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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 1558 vom 20.10.2000, Kategorie Kolumne

Schach-WM in London: Garri Kasparow in Nöten

Kramnik-Kasparow (10 kb)

Kramnik-Kasparow

In dem auf 16 Partien angesetzten außerhalb der FIDE in London ausgetragenen WM-Kampf zwischen den beiden derzeit besten Spielern der Welt liegt der Herausforderer nach der 6. Partie verdient mit 3½-2½ in Führung.

Spieler

ELO

1

2

3

4

5

6

Score

Kasparow

2849

½

0

½

½

½

½

Kramnik

2770

½

1

½

½

½

½

Kramnik geht in Führung

In der 2. Matchpartie überraschte der Hausforderer "Big Garri" mit einer Neuerung im Grünfeldinder und wurde hiefür mit dem ganzen Punkt belohnt ...

Weiß: GM W. Kramnik (RUS/2770)

Schwarz: GM G. Kasparow (RUS/2849)

Grünfeldindisch [D85]

Anm.: GM I. Balinov

1. d4. Die Eröffnungswahl mit 1. Sf3 lässt erkennen, dass der Herausforderer bereit ist, sich mit dem Titelverteidiger auf eine Diskussion auf dessen "Terrain" über die Grünfeld-Verteidigung einzulassen.

1. ... Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5. Nach einigen Misserfolgen hat Kasparow "Königsindisch aus seinem Repertoire verbannt.

4. cxd5 Sxd5 5. e4 Sxc3 6. bxc3 Lg7 7. Sf3. In den frühen 90er-Jahren pflegte Kramnik hier mit 7. Lb5+ fortzufahren.

7. ... c5 8. Le3. Eine kleine Überraschung, da Wladimir an dieser Stelle standardgemäß mit 8. Tb1 fortzusetzen pflegte.

8. ... Da5 9. Dd2 Lg4 10. Tb1. Als Hauptvariante galt zuletzt 10. Tc1.

10. ... a6. Im Lichte dieser Partie wird man in Zukunft 10. ... b6!? 11. Tb5 Da4 12. dxc5 0–0 und Schwarz hat Kompensation für den geopferten Bauern, unter die Lupe nehmen müssen.

11. Txb7!. Ein neuer Zug, den Iwantschuk im Kommentar zu seiner Partie gegen Timman, Linares 1992 (Schachinformator Bd. 54/465), in der 11. Tb3 b5 12. d5 Sd7 13. c4 b4 14. Dc2 Dc7 15. Sd2 Sb6 16. f4 a5 17. Ld3 a4 18. Tb1 g5!? mit unklaren Verwicklungen geschah, mit einem Fragezeichen versah. Er begründet dies mit der Fortsetzung 11. ... Lxf3 12. gxf3 Sc6 und übersieht hierbei die von Kramnik (oder war es Fritz6 in der Vorbereitung?) gefundene Verstärkung 13. Lc4!.

11. ... Lxf3 12. gxf3 Sc6 13. Lc4! 0–0. Vorteilhaft für Weiß war 13. ... cxd4 14. cxd4 Dxd2+ 15. Kxd2 Sxd4 16. f4 Sf5 (Auch nach 16. ... e6 17. e5 Sf5 18. Tc1 Sxe3 19. fxe3 0–0 20. Ld3 ist das weiße Spiel deutlich vorzuziehen) 17. Tb6 (Jedoch nicht 17. exf5?? wegen 17. ... 0–0–0+; Keinen Vorteil verspricht 17. Tc7 Sd6 18. Ld5 Td8 19. Ke2 f5) 17. ... Td8+ 18. Ld3 Sd6 19. Ke2 und Weiß hat klaren Vorteil, gefielt Kasparow aus verständlichen Gründen nicht.

14. 0–0. Unergiebig wäre 14. Ld5 Tac8 15. Lxc6 Txc6 16. 0–0 cxd4 17. cxd4 Dxd2 18. Lxd2 Lxd4 19. Txe7 Tc2.

14. ... cxd4 15. cxd4 Lxd4. Genauer als 15. ... Dxd2 16. Lxd2 Sxd4 17. Kg2 und das weiße Spiel ist etwas vorzuziehen.

16. Ld5!. Keinen Vorteil versprach hingegen 16. Lh6 Lg7 17. Ld5 Lxh6 18. Dxh6 Sd4 19. Txe7 (Oder 19. De3 Sf5 20. Dg5 e6 21. Lb3 h6 22. Df6 Sg7 und Schwarz hat Ausgleich) und nun nicht:

  • A) 19. ... Da3 20. Txf7 Txf7 (Ebenso verliert 20. ... Se2+ 21. Kg2 Txf7 22. Lxf7+ Kxf7 23. Dxh7+ Kf6 24. e5+ Kf5 25. Dd7+ Kg5 26. Dg4+ Kh6 27. Dh4+ Kg7 28. Td1+-) 21. Lxf7+ Kxf7 22. Dxh7+ Kf6 23. e5+ Ke6 24. Dxg6+ Ke7 25. Df6+ und Weiß gewinnt, sondern:
  • B) 19. ... Tad8 20. De3 Sf5 (20. ... Txd5 21. exd5 Sf5 22. De1 Dxd5 23. Te4 Dxa2 24. Dc3 gäbe Weiß das etwas bessere Spiel.) 21. exf5 Dxd5 22. f6 Df5 und Schwarz hat Ausgleich.

16. ... Lc3. Nach 16. ... Dxd2 17. Lxd2 Tac8 18. Tfb1 Kg7 19. Lf4 müsste Schwarz mit einem passiven Spiel vorlieb nehmen.

17. Dc1!. Erneut das Stärkste, z.B.: 17. De2 Sd4 18. Lxd4 Lxd4 19. Txe7 Dd8 20. Txf7 Txf7 21. Dc4 (21. Td1 pariert Schwarz mit 21. ... Tc8! 22. Dd3 Tc1! 23. Dxd4 Txd1+ 24. Dxd1 Kg7 25. Dd4+ Df6 26. De3 Tc7 27. e5 Df5 28. Kg2) 21. ... Dg5+ 22. Kh1 Df4 23. Lxf7+ Dxf7, denn nach 24. Dxd4 Dxf3+ 25. Kg1 Dg4+ 26. Kh1 Df3+ rettet sich Schwarz ins Dauerschach.

Oder 17. Dc2 Tac8 und nun:

  • A) 18. Lxc6 Txc6 19. Txe7 Dh5 20. Dd1 Dh3 (Das Dauerschachmotiv funktioniert auch nach 20. ... g5 21. f4 Dh3 22. De2 Lf6 23. Tb7 Tc2) hat Schwarz Ausgleich.
  • B) 18. Lb6 18. ... Da3 19. Db3 Dxb3 20. Lxb3 Tb8 21. Txb8 Txb8 und Schwarz steht zumindest nicht schlechter.

17. ... Sd4. Zu beachten war 17. ... Tac8!? 18. Lb6 Db4 19. a3 Db2 20. Dxb2 Lxb2 21. a4 La3 mit vermutlich besseren Verteidigungschancen als in der Partie.

18. Lxd4. Der Anziehende trennt sich vom Läuferpaar, da das Schwerfigurenendspiel nach 18. Dd1 e6 19. Lxd4 exd5 20. Lxc3 Dxc3 21. exd5 Tad8 22. Tb3 Da5 23. Td3 Dxa2 keineswegs erfolgversprechend wäre.

18. ... Lxd4 19. Txe7 Ta7 20. Txa7 Lxa7 21. f4!. Weiß steht nun deutlich besser.

21. ... Dd8 22. Dc3 Lb8. Keineswegs besser war 22. ... Dd6 23. f5 Lb8 24. Dg3 Df6 25. f4.

23. Df3. Gut war auch 23. Dg3!?.

23. ... Dh4 24. e5 g5.

Diagramm (6kb)

25. Te1! Dxf4. 25. ... gxf4 beantwortet Weiß mit 26. Kh1!.

26. Dxf4 gxf4 27. e6 fxe6 28. Txe6 Kg7 29. Txa6. Ungeachtet der ungleichfarbigen Läufer steht Schwarz vor einer kaum zu bewältigenden Verteidigung.

29. ... Tf5. Oder 29. ... Td8 30. Ta5 Lc7 31. Tb5 Tb8 32. Lb7 und Weiß gewinnt.

30. Le4 Te5. Ebenso verliert 30. ... Tb5 31. a4 Tb2 32. a5 Le5 33. f3 Ta2 34. Ta8 Ld4+ 35. Kh1 h5 36. Ld5.

31. f3 Te7. Auch andere Züge sind nicht besser, z.B.: 31. ... Tb5 32. a4 Tb2 33. a5 Ta2 34. Ta8 Ld6 35. a6 h5 36. Ld5 mit Gewinn.

32. a4 Ta7 33. Tb6 Le5 34. Tb4 Td7 35. Kg2 Td2+ 36. Kh3 h5 37. Tb5 Kf6 38. a5 Ta2 39. Tb6+ Ke7??. Zeitnot, doch war der Tag für Weiß auch nach dem besseren 39. ... Kg7 40. a6 Ld4 41. Te6 für Weiß entschieden.

40. Ld5 und Schwarz streckte wegen 40. ... Te2 41. a6 Ld4 42. a7 die Waffen.

ÖM Lothar Karrer