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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 1956 vom 28.09.2001, Kategorie Kolumne

Zeitnotspektakel in Seefeld!

Beim internationalen Seefeld-Open in Tirol kam es zu mehreren solcher Ereignisse, die erfolgreich mit jedem Hollywoodstreifen mithalten könnten. Leider war das Publikumsinteresse eher gering. Hier ein Beispiel aus der vierten Runde:

Weiß: GM Balinov (2425)

Schwarz: GM Miezis (2525)

Seefeld Open (Rd. 4), Sep. 2001 [B40]

Anmerkung: GM I. Balinov

1.e4 c5 2.Sf3 e6 Mein Gegner spielt immer die Paulsen Variante in der Sizilianischen Verteidigung.

3.Sc3 (Fast) ein Abwartezug, der einige Varianten wie z.B. 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Db6 vermeidet.

3...a6 Ein Paulsen-Spieler kann sich 3...d6 nicht leisten, weil nach 4.d4 cxd4 5.Sxd4 eher eine Scheweningen-Struktur entsteht.

4.g3 Diese Fienchetto-Reihenfolge vermeidet folgende Variante: 3.d4 cxd 4.Sd4 a6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Lb4

4...Sc6 5.Lg2 g5 Es ist bekannt, dass bei GM Miezis die g- und besonders die h-Bauern keine Ruhe kennen. Die Alternativen 5...g6; 5...d5; 5...d6 verblassen in Vergleich mit dem Textzug.

6.d3 h6 7.h4 7.Le3 stellte sich in der Partie GM Glek gegen Miezis in Porto San Georgie 2000 als schwächer heraus. Und wirklich, nach 7...d6 8.h4 g4 9.Sh2 h5 10.f3 gxf3 11.Lxf3 Sf6 12.0–0 Lh6 13.Lxh6 Txh6 14.Kh1 Ld7 15.Dd2 Tg6 16.Se2 Se5 17.Lg2 De7 stand Schwarz schon besser.

7...g4 8.Sh2 h5 9.0–0 Lg7 9...d6 sollte genauer sein, weil d7-d6 unausweichlich ist, es aber für den Läufer die Alternative auf e7 gibt.

10.Se2 Ich verbrauchte zu viel Zeit für die Variante 10.f3. Mir war unklar was nach 10...Le5 passiert. 11.fxg4 Lxg3 12.g5 Lxh4 13.Df3 De7 14.Df4 gewinnt zwar eine Figur, aber statt 13....De7 gibt es auch 13...f6. Im Endeffekt entschied ich mich für die langsamere Vorbereitung von d3-d4, durch Sc3-e2, c2-c3 und Lc1–e3, wobei ich mir die Option f2-f3 offen ließ. Wenn man hingegen mit 10.Le3 beginnt, ist nach 11.Se2 der b2-Bauer ungedeckt.

10...Sge7 11.c3 d6 12.Le3 12.f3 muss Schwarz mit 12...e5 begegnen.

12...Ld7 13.Dd2 Dc7 Schwarz hat sich fast entwickelt, nur mit dem König gibt es noch gewisse Probleme.

14.f3 Nach 14.d4 cxd4 15.cxd4 d5 steht Schwarz ok.

14...gxf3 14...e5 15.f4 mit der Idee 16.d3-d4 wonach Weiß die Initiative ergreift.

15.Sxf3 Se5 Besser wäre 15...e5, gefolgt von f7-f6.

16.Sxe5 dxe5? Die nächste Ungenauigkeit. Der Nachziehende sollte 16...Lxe5 17.d4 Lg7 spielen.

17.b4! Weiß muß unbedingt Linien öffnen.

17...c4 Nach 17...cxb4 18.cxb4 bekommt Schwarz Probleme auf der c Linie.

18.dxc4 Mit nur 10 Minuten auf der Uhr für die nächsten 22 Züge sollte ich das pragmatische und objektiv stärkere 18.d4 ziehen.

18...Dxc4 19.Txf7 Das war meine Idee. 19.Lc5 kam auch stark in Betracht, dafür hatte ich aber keine Zeit.

19...Kxf7 20.Dxd7 The8 Schwarz hatte auch andere Verteidigungsmöglichkeiten: 20...Dxe2 21.Tf1+ Kg6 22.Lg5 Thf8 23.Dxe6+ Kh7 24.Lxe7 Txf1+ 25.Lxf1 Dxe4; 20...Lf6

21.Lf3 Kg6 22.Dxb7 Zu überhastet! Besser war zuerst 22.Lc5 und auf 22...Tad8 dann 23.Dxb7

22...Lf6 Auf 22...Dd3 kommt einfach 23.Kf2

23.Tf1 Teb8 24.Dd7 Td8 25.Db7 Dd3 25...Tdb8 26.Dd7 Td8 wäre Remis.

26.Lc1 26.Lc5 wäre besser, mit Vorteil Weiß.

26...Dd6 Mit 2 Minuten für die restlichen 14 Züge sah ich meine Dame verloren. In dieser extremen Situation fand ich eine fantastische Kombination.

27.Lxh5+! Kxh5 28.Txf6 Tf8 Aber warum nicht 28...Tdb8? Wegen 29.Kg2 Txb7 und kaltblütig 30.Kh3!

Diagramm (6kb)

Diagramm in der Nebenvariante nach Kh3!

Schwarz hat eine Dame mehr kann aber das Matt mit 31.g4 und 31.Th6 nicht verhindern!

29.Kg2 Tempo gespielt. 29.Lg5 verspricht riesigen Vorteil. Den Zug habe ich überhaupt nicht gesehen. Ich spielte viel komplizierter.

29...Txf6 30.Dxa8 Sg6 Der vorletzte Fehler in der Partie. Ich berechnete als einzige Variante 30...Dd1 31.Dh8+ Kg6 32.Dh6+ Kf7 33.Dh5+ Sg6 34.Le3 .; Nach der Partie bei der gemeinsamen Analyse fanden wir den Zug 30...Kg4 und nach 31.Dh8 Tg6 32.Df8 Dd3 dachten wir, Schwarz hat schon Vorteil, aber später zeigte uns Fritz6, dass nach 33.Kf2 wieder Weiß die Oberhand hat.

31.Da7? Für mich ist es immer noch ein Rätsel, warum ich nicht 31.Kh3!! spielte. Nach der einzigen Verteidigung 31...Tf3 (31...Dd3 32.Dg8) 32.Dg8 De7 33.Lg5 Dd7 ist Schwarz in Zugzwang. Es gewinnen einfach die weißen Bauern: 34.c4 Dc7 35.b5 axb5 36.cxb5 Dd7 37.a4

31...Dd1 In dieser aussichtslosen Stellung fiel mir die Klappe und damit meine Chancen auf den Turniersieg. 31...Dd1 32.Sg1 (32.De3 Df1+ 33.Kh2 Tf2+) 32...Dxc1 0–1

Überraschend gewann der ungarische IM Peter Horvath das Turnier, der damit auch seine erste GM Norm erzielte.

Endstand nach 9 Runden:

Endstand (6kb)

 GM Ilia Balinov / Heinz Herzog