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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 2115 vom 25.01.2002, Kategorie Kolumne

Ponomariov - der neue FIDE-Weltmeister!

Nach einem eher glücklichen Sieg gegen seinen Landsmann Vasilij Ivanchuk ist der Ukrainer Ruslan Ponomariov der jüngste Weltmeister in der Schachgeschichte. Geboren am 11.10.1983 in Gorlovka (Ost-Ukraine), machte er bereits früh Schachfurore. Mit 12 gewann er 1996 die Europameisterschaft "Unter 18", ein Jahr später die Weltmeisterschaft in der gleichen Altersgruppe. Mit 14 war er der jüngste Großmeister (inzwischen brach der Chinese Bu seinen Rekord). Das Jahr 2001 war für den neuen Champion besonders erfolgreich: Europa-Vizemeister in Ohrid, Teamweltmeister mit Ukraine in Erevan und am 1. Jänner 2002 die Nummer 7 der Welt mit einer Elozahl von 2727. Typisch für sein Spiel sind Eigenschaften wie Kampfgeist, Konzentration, Pragmatismus und Optimismus (besonders in schwierigen Stellungen).

Mehr über das Match. 
Die erste Partie (siehe unten) war eine kalte Dusche für Ivanchuk. In der zweiten überspielte er mit Weiß seinen jungen Kollegen, ging ins Endspiel mit einer Figur für zwei schwache Bauern und dann passierte Unglaubliches. In beidseitiger Zeitnot fand Ponomariov Gegenspiel, Ivanchuk orientierte sich schlecht und verlor plötzlich die Mehrfigur. Remis. Die dritte Partie endete unspektakulär Unentschieden. Die vierte war voll mit Fehlern: zuerst versäumte Ponomariov, entscheidenden Vorteil zu erreichen, doch dann revanchierte sich Ivanchuk im Endspiel. Wieder Remis. In der fünften Partie wiederholte sich die Geschichte der zweiten. Ivanchuk spielte stark, erreichte eine total gewonnene Stellung, übersah dann aber die einzige noch mögliche taktische Feinheit. Damit wurde die Stellung wieder unklar. Geschockt von dieser Wende und in Zeitnot verlor Ivanchuk sogar. Damit war der Titelkampf fast entschieden. Die sechste Partie remisierte Ponomariov ziemlich leicht und so brauchte er in der siebenten Partie nur Remis mit Weiß. Das gelang ihm problemlos. Endergebnis 4½-2½ für Ponomariov.

Kurz über die neue FIDE-Zeitkontrolle:
Die Bedenkzeit beträgt 1 Stunde und 15 Minuten für die ersten 40 Züge und dann 15 Minuten bis zum Ende der Partie. Zusätzlich noch 30 Sekunden je Zug (ab dem 1. Zug). Dieses WM Finale ist ein Beispiel dafür, wie sich die Verkürzung der Bedenkzeit negativ auf die Spielqualität auswirkt. Als Beispiele dienen die zweite und die fünfte Partie. Für eine deutliche Hebung der medialen Attraktivität von Schachwettkämpfen - vor allem im TV-Bereich - ist diese Maßnahme andererseits auch nicht ausreichend. Ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn in wenigen Jahren die WM im Schnellpartiemodus mit 15 oder 20 Minuten entschieden wird!

(I.Balinov)

Weiß: GM Ponomariov (2727)

Schwarz: GM Ivanchuk (2717)

Fide-WM-Finale Moskau [C11]

Anmerkung: GM I. Balinov

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 dxe4 5.Sxe4 Le7 Möglich ist hier auch 5...Sbd7 gefolgt von 6...Le7.

6.Lxf6 Lxf6 Ganz neu behandelt GM Morozevich die Variante 6...gxf6. Ein Beispiel: 7.Sf3 a6 8.De2 b5 9.g3 Lb7 10.Lg2 Ld5 11.c3 Sd7 12.b3 0–0 13.0–0 f5 14.Sed2 c5 15.c4 Lc6 16.Tad1 Tc8 17.d5 mit Initiative für Weiß, Ponomariov-Morozevich, WM Moskau 2001.

7.Sf3 0–0 8.Dd2 Le7 Eine Idee von Bareev. Früher spielte man: 8...Sd7 9.0-0-0 b6 10.Ld3 Lb7 11.Df4 Le7 12.h4 Sf6 13.Seg5 Lxf3 14.Sxf3 Dd6 15.Se5 c5 16.dxc5 Dxc5 17.The1 Tac8 18.Kb1 Tfd8 19.g4 Ld6 20.g5 Lxe5 21.Dxe5 Dxe5 Remis, Nunn-Gurevich, Belgrad 1991.

9.0–0–0 Interessant ist: 9.Ld3 b6 10.Seg5 h6 11.Lh7+ Kh8 12.Le4 Lxg5 13.Sxg5 c6 14.Sf3 Lb7 15.Se5 Dc7 16.Df4 Kg8 17.Dg3 Sd7 18.Sxc6 Dxg3 19.hxg3 Kh8 20.0–0–0 mit klarem Vorteil für Weiß, Gelfand-Bareev Linares 1992.

9...Dd5 9...b6 spielte Bareev gegen Anand in Tilburg 1991, 10.Lc4 Lb7 11.The1 Ld5 12.Lxd5

10.Sc3 Da5 11.a3! Neuerung. Verhindert die unangenehme Fesselung Le7-b4. 11.Se5 Lb4 12.Sc4 Lxc3 13.Sxa5 Lxd2+ 14.Txd2 b6 15.Sc4 Lb7 16.Se3 Sd7 17.Lb5 Sf6 18.f3 Tfd8 19.Thd1 Remis, Khalifman-Ehlvest Japfa Classic 2000.

11...Sd7 12.Kb1 Db6 13.De3 Verhindert 13....Le7-a3? 14.Sc3-a4 gefolgt von 15.De3-a3 mit Figurengewinn.

13...Sf6 14.Se5 Td8 15.Lc4 Ld7 16.Lb3 Le8 17.The1 Lf8 18.g4 Sd5 18...c5 19.d5 exd5 20.Sxd5 Sxd5 21.Lxd5 Dc7 22.g5 mit weißer Initiative.

19.Df3 c6 Passiv und ungenau. Notwendig war 19...Sxc3+ 20.Dxc3 und Weiß hat Raumvorteil, aber nicht mehr.

20.Se4 Dc7 Beachtung verdient 20...c5

21.c4 Se7?? Entscheidender Fehler. 21...Sb6 war Pflicht.

22.Sg5 Sc8 22...Sg6 verliert nach 23.Sxg6 hxg6 24.Dh3 sofort.

23.c5 Es droht einfach 24.Sf7 Lf7 25.Sf7 Df726.Le6.

Diagramm (6kb)

Ponomariov hätte mit Schwarz vielleicht noch folgendes probiert: 23.c5 Td5 24.Dd3 g6 25.Lxd5 cxd5 26.f4 Se7 mit schlechter Stellung und Qualität weniger.

1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog