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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 3372 vom 24.01.2003, Kategorie Kolumne

Heiße Brisen in Wijk aan Zee

Beim Corus-Turnier in Wijk aan Zee (Holland) wird kompromissloses und attraktives Schach geboten.

Bezeichnend ist die Turniersituation der beiden Weltmeister: Kramnik kommt über 50% nicht hinaus und Ponomariov ist sogar Vorletzter. Weiße Westen tragen hingegen noch der führende Inder Viswanathan Anand, Judith Polgar und Vassily Ivanchuk (mit 9 Remis!). Kurz an der Spitze hielt sich der Vorjahresletzte Van Wely Loek, verlor aber dann in der 8. Runde unglücklich gegen Karpov.

Stand nach 9 Runden:

Weiß: GM Anand (2753)

Schwarz: Ponomariov (2734)

GMA Wijk aan Zee NED [B32]

Anmerkung: GM I. Balinov

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e5 5.Sb5 d6 6.S1c3 a6 7.Sa3 Sf6 Die Alternative ist: 7...b5 8.Sd5 Sf6 (oder 8...Sge7 ; 8...Sce7)

8.Sc4 8.Lg5 führt zur Sweschnikov- Variante, die zuletzt große Beliebtheit bei der Weltspitze genoss, besonders in diesem Turnier.

8...b5 8...Le7 ist ungenau, wie die Partie C. Bauer - Mikhalevski, Biel 2002 zeigt: 9.Lg5 0–0 10.Lxf6 gxf6 mit klarem Übergewicht für Weiß.

9.Se3 b4 Ponomariov nimmt das Bauernopfer an. In der dritten Runde geschah 9...Le7 10.Ld3 0–0 11.0–0 Tb8 12.Scd5 Sxd5 13.exd5 Sa5 14.a4 b4 15.Ld2 f5 16.c3 bxc3 17.Lxc3 e4 18.Lc2 Lf6 19.g3 Ld7 20.Tb1 Sb7 mit Remis, Shirov-Ivanchuk.

10.Scd5 Sxe4 11.a3 Ein feiner positioneller Zug, mit dem Anand das Kommando am Damenflügel übernimmt.

11...bxa3 Schwarz ist gezwungen zu nehmen. 11...Tb8 verliert die Qualität: 12.axb4 Sxb4 13.Sxb4 Txb4 14.c3 Tb5 (14...Tb8 15.Da4+; 14...Dh4 15.Dc2 Tb6 16.g3 Sxg3 17.fxg3 kostet die Figur für zwei Bauern.) 15.Lxb5+ axb5. 11...a5 ist wegen 12.axb4 auch nicht möglich, da der schwarze Turm auf a8 ungedeckt ist.

12.Txa3 g6 Das Fianchetto kostet Zeit und Schwarz schafft es nicht, zu rochieren, bevor die weiße Initiative am Damenflügel zu stark wird. 12...Le7 kann die Probleme auch nicht lösen: 13.Lb5 Lb7 14.Lxc6+ Lxc6 15.Dg4 Sf6 16.Dxg7 Tf8 (16...Tg8 17.Sxf6+) 17.Sxf6+ Lxf6 18.Dxh7. Vielleicht sollte 12...Lb7 versucht werden.

13.c3 Droht 14.Da4 mit Doppelangriff.

13...Ld7 14.Sc4!

Starker Zug - das Feld b6 ist schwach. Anand verschwendet keine Zeit für den Bauern a6: 14.Txa6 Txa6 15.Lxa6 Lg7 mit Ausgleich.

14...Tb8 15.Le3 f5 16.Lb6 Großen Vorteil erlangt Weiß auch nach: 16.f3 Sc5 (16...Dh4+ 17.g3 Sxg3 18.Lf2 f4 19.Lg2) 17.b4 Se6 18.Lb6 Dc8 19.Txa6. 19...Dxa6 scheitert an 20.Sxd6+

16...Txb6 Ponomariov opfert die Qualität mit der Idee, die weiße Initiative am Damenflügel zu stoppen. Schwarz kann die Probleme aber auch mit 16...Dh4 nicht lindern: 17.Le2 Kf7 (aber nicht 17...Txb6 18.g3 Sxg3 19.fxg3 De4 20.Sf6+) 18.0–0 (18.Txa6 ist jetzt schlecht wegen: 18...Txb6 19.g3 Sxg3 20.fxg3 De4) 18...a5 19.f3 Sf6 20.Lc7 Tb7 21.Lxd6 und Weiß erhält den Bauern mit klar besserer Stellung. zurück.

17.Scxb6 Lh6 18.Ld3 0–0 18...Ld2+ kostet nur Zeit: 19.Kf1 Lg5 20.h4 Le7 21.h5

19.Lxe4 Richtige Entscheidung, da der schwarze Springer auf e4 sehr aktiv steht. 19...fxe4 20.0–0 Le6 20...a5 kommt nur dem Weißen entgegen: 21.b4 axb4 22.Ta8

21.Txa6 Dh4 Der schwarze Angriff ist eher Wunschdenken, aber der FIDE-Weltmeister hat keine andere Chance. Für die Qualität weniger ist kaum Kompensation vorhanden.

22.De2 Sd8 23.Ta8 Kg7 24.g3 Lg4 24...Dh3 kostet nach 25.Dxe4 den e-Bauern und Damentausch 24...Dg4 25.Dxg4 Lxg4 26.Tfa1 bringt auch keine Freude.

25.gxh4 Lxe2 Dieser Damentausch verschlechterte Weiß die Bauernstruktur und der König steht offen, trotzdem erlangt der Nachziehende kein Gegenspiel.

26.Tfa1 g5 27.Sd7 Tf5 Ponomariov opfert noch eine Figur, um etwas Verwirrung zu stiften. Das erinnert schon an Kaffeehaus-Schach! 27...Th8 28.T1a7 Kg6 29.S7f6 gxh4 30.Td7 und ohne den schwarzen Turm gibt es keinen Angriff. 28.Txd8 gxh4 29.Tg8+ 29...Kf7 29...Kxg8 30.Se7+ Kf7 31.Sxf5

30.Ta7 Wer wird jetzt matt?

30...Tf3 31.S7f6+ Ke6 32.Te7+ Kf5 33.Sg4 Ld2 34.Sge3+ 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog