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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 3378 vom 07.02.2003, Kategorie Kolumne

Mensch gegen Maschine

Unter dem Motto „The FIDE Man vs. Machine World Chess Champion" tritt Gary Kasparov in New York vom 26. Jänner bis zum 7. Februar gegen das Computer-Programm Deep Junior an. Um den Preisfond von einer Million Dollar werden sechs Partien gespielt. Für Kasparov in jedem Fall ein gutes Geschäft, erhält er doch unabhängig vom Ergebnis die Hälfte dieses Betrages, vom Rest gehen 300.000 $ an den Sieger und 200.000 $ an den Verlierer. Es wird mit einer Bedenkzeit von 2 Stunden für 40 Züge, 1 Stunde für 20 Züge und 30 Minuten für den Rest der Partie gespielt.

Die erste Partie entschied Kasparov ziemlich klar für sich (unsere heutige Partie). In der zweiten hatte er mit Schwarz zwar wieder die Initiative, die Partie endete aber schließlich remis. Auch in der dritten Runde hatte der „FIDE Man" das Kommando übernommen, der Computer verteidigte sich aber zäh und überlistete in einer sodann ausgeglichenen Stellung den Ex-Weltmeister taktisch. Einstand zum 1½-1½. Die vierte Partie endete nach langer Verteidigung von Kasparov remis. Für die restlichen beiden Partien ist in diesem spannenden Schach-Duell somit noch alles offen!

Gleichzeitig fand vom 28. bis 31. Jänner in Maastricht (Holland) ein anderer „ungleicher" Wettkampf statt: Bareev gegen das Software-Produkt von Chess-Base, HiarcsX. Vier Partien wurden gespielt, die alle mit Remis endeten.

Weiß: GM Kasparov (2847)

Schwarz: Deep Junior

FIDE Man-Machine, New York [D45]

Anmerkung: GM I. Balinov

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.e3 e6 5.Sf3 Sbd7 6.Dc2 Ld6 In der dritten Partie weichte Junior mit 6...b6 ab.

7.g4 Im Unterschied zu seinem Match gegen Deep Blue, verwendet Kasparov gegen Deep Junior eine neue Strategie: kein Anti-Computerschach (geschlossene, wenig dynamische Stellungen) sondern aktiv-positionelles Schach mit schwer abschätzbaren Abwicklungen. Das wurde auch im weiteren Verlauf des Wettkampfes bestätigt.

7...dxc4 Schwarz hat hier viele Fortsetzungen: 7...Lb4 8.Ld2 De7 9.Ld3 dxc4 10.Lxc4 b5 11.Le2 Lb7 12.g5 Lxc3 13.bxc3 Sd5 14.a4 bxa4 15.c4 Sb4 16.Dxa4 c5 17.Lxb4 cxb4 18.c5 Ld5 19.Dxb4 0–0 und Schwarz hat Kompensation für den Bauern, Gelfand-Fressinet, Cap d'Agde 2002 oder 7...h6 oder natürlich nehmen: 7...Sxg4 8.Tg1 Df6 9.Txg4 Dxf3 10.Txg7 Sf8 11.Tg1 Sg6 12.Le2 Df6 13.Ld2 Ld7 14.0–0–0 Lxh2 15.Th1 Lc7 16.e4 mit kompliziertem Spiel, Krasenkow-Piket, Deutsche Bundesliga 2002.

8.Lxc4 b6 9.e4 Nach 9.g5 hat der Springer das gute Feld d5 9...Sd5 was auch oft gespielt wurde.

9...e5 Typische Antwort in solchen Stellungen, aber hier vielleicht ungenau. Interessant ist: 9...Lb7 wie in der Partie Barsov-Kohlweyer, Porto San Giorgio 2002, 10.e5 c5 11.exf6 Lxf3 12.fxg7 Tg8 13.Dxh7 Sf6 14.Lb5+ Ke7 15.Lg5 Lf4 und in dieser wilden Stellung einigten sich die Kontrahenten auf Remis.

10.g5 Jetzt ist das Feld d5 unter Kontrolle und der Springer muss auf das weniger attraktive h5 ausweichen.

10...Sh5 11.Le3 0–0 12.0–0–0 Der e5-Bauer hängt.

12...Dc7 12...De7 wäre die Alternative.

13.d5! Starker Zug mit dem Kasparov das wichtige Feld d5 erkämpfen will.

13...b5 Nach 13...Lb7 14.dxc6 Lxc6 15.Sb5 Lxb5 16.Lxb5 ist die schwarze Lage kritisch. Z.B. 16...Sc5 17.b4 Sxe4 18.Dxc7 Lxc7 19.Lc6. Relativ das Beste wäre, die Stellung mit 13...c5 geschlossen zu halten. Nach 14.Sb5 Db8 15.Sh4 g6 16.Sg2 a6 17.Sxd6 Dxd6 18.Le2 Sf4 19.Sxf4 exf4 20.Ld2 könnte Schwarz noch kämpfen.

14.dxc6 bxc4 15.Sb5 Dxc6 16.Sxd6 Lb7 17.Dc3 Die weißen Figuren (besonders der d6 Springer) und die Bauern stehen besser, das ergibt einen klaren Vorteil.

17...Tae8 Ist das ein Computer- oder ein Menschenzug? Auf jeden Fall kann er die Stellung nicht halten.

18.Sxe8 Kasparov nimmt die Qualität und bringt den Punkt souverän nach Hause.

18...Txe8 19.The1 Db5 20.Sd2 Tc8 21.Kb1 Sf8 22.Ka1 Sg6 23.Tc1 La6 24.b3 cxb3 25.Dxb3 Ta8 26.Dxb5 Lxb5 27.Tc7 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog