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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 3384 vom 14.02.2003, Kategorie Kolumne

Kasparow - Deep Junior endete 3:3

Viel Kritik erntete Gary Kasparov, nachdem er in der sechsten und letzten. Partie gegen Deep Junior in eindeutig besserer Stellung remisierte. In einem Interview mit CNN gab er psychologische Gründe für diese Entscheidung an: unter anderem die Erinnerung an die Niederlage gegen Deep Blue im Jahr 1997 (in der letzten Partie) sowie die schlaflose Nacht nach dem Blackout in der 3. Partie. Insgesamt war Kasparow einem Sieg (noch) etwas näher als der Computer. Eine Neuauflage des Duells könnte unter gewissen Voraussetzungen im nächstes Jahr wieder stattfinden.

Weiß: GM Kasparov (2847)

Schwarz: Deep Junior

FIDE Man-Machine (5), New York

Anmerkung: GM I. Balinov

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 In der Slawischen Verteidigung (Partie 1 und 3) sah Deep Junior schlecht aus. Deswegen ist der Eröffnungswechsel in die Nimzowitsch-Verteidigung verständlich.

4.e3 0–0 5.Ld3 d5 6.cxd5 Mit dem Zug kann Weiß keinen besonderen Vorteil aus der Eröffnung erlangen. Die üblichen Fortsetzungen sind: 6.Sf3 und 6.Sge2.

6...exd5 7.Sge2 Te8 8.0–0 Ld6 9.a3 Vor ein paar Monaten wurde folgende Partie gespielt: 9.a3 Sg4 10.h3 (Acs selbst empfahl nach der Partie 10.Sf4) 10...Sh2 11.Te1 Sf3+ 12.gxf3 Dg5+ 13.Kh1 Dh4 14.Sf4? (Richtig ist 14.Kg1! und Schwarz hat laut Analyse nichts Besseres als Zugwiederholung: 14...Dg5+ mit Remis.) 14...Lxh3 15.Scxd5 Te6 16.Sxe6 Lf5+!! 17.Kg1 Dh2+ 18.Kf1 Lg3 0–1, Van Wely-Acs, Essent Crown 2002. Natürlich stellt sich die Frage, ob Kasparov diese Partie kannte? Wenn ja bedeutete das, dass er auf Remis spielte! In den folgenden Begegnungen aus der Großmeisterpraxis gingen die Weißen anderen Ideen nach. Beide endeten unentschieden. 9.h3 Sbd7 10.Dc2 a6 11.Td1 c5 12.b3 b5 13.dxc5 Sxc5 14.Sxd5 Sxd3 15.Dxd3 Le5 16.Sxf6+ Dxf6 17.Sd4 Lf5 18.Df1 Dg6 19.Kh1 Le4 20.Lb2 Tad8 Epishin-Khenkin, Bratto open 2001. oder 9.f3 c5 10.De1 Sc6 11.Dh4 Se7 12.Sb5 Sg6 13.Df2 Lf8 14.dxc5 Lxc5 Gelfand-Kotronias, Chalkidiki 1993.

9...c6 Junior geht eigene Wege (offensichtlich kennt auch er die erwähnte Partie nicht!)

10.Dc2 Lxh2+

Die Folgen dieses Opfers sind nicht ganz klar und deswegen ist der Zug so untypisch für einen Computer.

11.Kxh2 Sg4+ 12.Kg3 Frischluft ist hier das einzig Gesunde. 12.Kg1 verliert schnell: 12...Dh4 13.Td1 Dxf2+ 14.Kh1 Txe3 15.Lxh7+ Kf8 16.Lxe3 Sxe3

12...Dg5 13.f4 Dh5 14.Ld2 Scheint der einzig vernünftige Zug zu sein – es droht 15.Th1.

14...Dh2+ 15.Kf3 Dh4 16.Lxh7+ Warum nicht 16.g3 ? 16...Dh5 17.Th1 Sxe3+ (17...Sh2+ 18.Kg2 Dh3+ 19.Kg1) 18.Txh5 Lg4+ 19.Kf2 Sxc2 20.Tah1 Lxh5 21.Txh5 mit großem Vorteil für Weiß oder 16...Dh2 ist auch zu dünn: 17.f5 h5 18.Tae1 oder 16...Sh2+ 17.Kf2 Sg4+ 18.Ke1 Dh3 19.Tg1 Sd7 ob die schwarze Stellung eine Figur Wert ist? Und noch eine Frage: Welches Schachprogramm würde sie als vorteilhaft für Schwarz bewerten?

16...Kh8 Das Endspiel ist nach 16...Dxh7 17.Dxh7+ Kxh7 18.Th1+ Kg8 19.Th4 eine Spur besser für Weiß.

17.Sg3 17.g3 jetzt führt auch 17...Sh2+ 18.Kf2 Sg4+ 19.Kf3 (19.Ke1 Dxh7) zum Remis.

17...Sh2+ Natürlich nicht 17...Dxh7 18.Th1 Sh6 19.Dxh7+ Kxh7 20.f5 mit Problemen für Schwarz.

18.Kf2 Sg4+ 19.Kf3 Sh2+ ½–½

Weiß: Deep Junior

Schwarz: GM Kasparov (2847)

FIDE Man-Machine (6), New York

1...Se8

Obwohl er besser steht (oder sogar viel besser) bot Kasparov in dieser Stellung Remis an. Gegen einen Menschen hätte er vermutlich weitergespielt, teilte er später bei der Pressekonferenz mit. Nichtsdestotrotz lehnte das Juniorteam vorerst ab.

2.f4

Aber einen Zug später kam das Remisangebot zurück! Damit wurde auch das Endergebnis fixiert: 3-3! ½–½

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog