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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4100 vom 02.10.2004, Kategorie Kolumne

Weltmeisterschaft: Kramnik - Leko

Fünf Jahre nachdem Vladimir Kramnik (29)  Gary Kasparov (41) in London entthronte, verteidigt er jetzt seinen Titel im “Classical Chess“ gegen Peter Leko (25)  in Brissago (Schweiz). Vom 25. September bis 18. Oktober werden 14 Partien gespielt. Es gilt die klassische Bedenkzeit von 2 Stunden für 40 Züge, 1 Stunde für die nächsten 20 Züge und danach 15 Minuten plus 30 Sekunden Bonus pro Zug bis zum Ende der Partie. Der Preisfond beträgt eine Million Schweizer Franken, verteilt 60-40 für den Sieger.

Beide Kontrahenten spielen solides, positionelles Schach, haben den gleichen Manager und sind oft mit Vorwürfen konfrontiert, allzu oft zu remisieren. Der Russe hat in seinem Stab Bareev (schon gegen Kasparov dabei), Svidler und den Spanier Cordoba Illescas. Beim Ungarn Leko helfen Akopian, Tkachiev und Stiefvater Arshak Petrosian.

Die erste Partie (unsere heutige Analyse) verlief sehr spannend und brachte Kramnik in Führung. Leko erholte sich aber schnell und neutralisierte die weißen Steine in der zweiten Runde locker. In der dritten biss  der Herausforderer aber wieder auf Granit: remis mit Weiß in 18 Zügen gegen die Russische Verteidigung.

Weiß: Leko, P. (2741)
Schwarz: Kramnik, V. (2770)
Anmerkung: GM I. Balinov

1.e4 Peter Leko eröffnet nur mit 1.e2-e4. Ich bezweifle, dass sich in diesem Match daran etwas ändern wird. Kramnik ist im Gegenteil flexibler: Er erweiterte sein Repertoire neben 1.d4 und 1.Sf3 mit 1.e4.

1...e5 2.Sf3 Sf6 Die Eröffnung ist keine Überraschung: Die Russische Partie gehört zu Kramniks Standard-Repertoire.

3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 Sc6 7.0–0 Le7 8.c4 Sb4 9.Le2 0–0 10.Sc3 Lf5 Das ersetzt langsam 10....Le6.

11.a3 Sxc3 12.bxc3 Sc6 13.Te1 Te8 14.cxd5 Dxd5 15.Lf4 Tac8 15...Ld6 kommt selten vor: 16.c4 De4 17.Le3 Tad8 18.Ta2 Lg6 19.Dc1 Sa5 20.c5 Le7 21.Lb5 (mit 21.Tb2 sollte Weiß besser stehen) 21...Dd5 22.Tae2 c6 Kasparov-Karpov, New-York 2002.

16.h3 Leko tut sich in dieser Eröffnung schwer. In der dritten Partie erreichte er wieder nichts: 16.c4 De4 17.Le3 Dc2 18.d5 Sa5 19.Sd4 Dxd1 20.Texd1 Ld7 21.Ld2 Lf6 22.Lxa5 Lxd4 23.Txd4 Txe2 remis, Leko-Kramnik 3. Partie, Brissago 2004.

16...Le4 17.Le3 Sa5 Vor kurzem hatte der Herausforderer diese Position am Brett: 17...Tcd8 18.Sd2 Lg6 19.Lf3 Dd7 20.Da4 Se5 21.Dxd7 Sxf3+ 22.Sxf3 Txd7 23.Se5 Td5 24.Sxg6 fxg6 25.a4 Kf7 26.Teb1 remis, Leko-Bologan, Dortmund 2004.

18.c4 Führt forciert zu einem Endspiel, das Leko wahrscheinlich als "risikolos auf Gewinn zu spielen" eingeschätzt hat. Weiß verfügt hier auch über andere Züge: Auf 18.Sd2 muss Schwarz zurück 18...Lf5 (18...Lxg2 geht wegen 19.c4 Dc6 20.d5 Dg6 21.Lh5 Lf3+ 22.Lxg6 Lxd1 23.Lf5 La4 24.Lxc8 Txc8 25.Lb6 axb6 26.Txe7 nicht, mit einer Qualität mehr für Weiß.), möglich ist aber auch 18.Se5.

18...Sxc4 19.Lxc4 Dxc4 20.Sd2 Dd5 21.Sxe4 Dxe4 22.Lg5 Dxe1+ 23.Dxe1 Lxg5 24.Da5 Lf6 25.Dxa7 c5 Nun erhalten beide Seiten einen Freibauern, aber der schwarze scheint gefährlicher zu sein.

26.Dxb7 Lxd4 27.Ta2 c4 28.Te2! Ted8 Wegen der Schwäche der achten Reihe funktioniert 28...c3 29.Txe8+ Txe8 30.Dd7 Tb8 31.Dxd4 c2 nicht: 32.Dd2 Tc8 (32...Tb1+ 33.Kh2 c1D 34.Dd8#) 33.Dc1.

29.a4? Nach 29.Td2 sollte die Partie schnell friedlich enden: 29...Lc5 (29...c3 scheitert an dem bekannten Motiv: 30.Txd4 c2 31.Txd8+ Txd8 32.Dc7 Td1+ 33.Kh2 c1D 34.Db8+) 30.Txd8+ Txd8 31.Dc6 (mit 31.a4 c3 32.Db3 Tc8 bleibt eine gewisse Spannung.) 31...Lxa3 32.Dxc4.

29...c3 30.De4 Lb6 31.Dc2? Die Dame steht auf e4 gut. Besser wäre es, die Bauern am Königsflügel vorzuschieben. 31.g4.

31...g6 32.Db3 Td6 33.Tc2 La5 34.g4 Td2 35.Kg2 Tcd8?! Kramnik könnte die Stellung mit h7-h6 und Tc8-c5 weiter verbessern.

36.Txc3! Lxc3 37.Dxc3 T2d5 38.Dc6 Ta5 39.Kg3 Tda8 40.h4 T5a6 41.Dc1! Ta5 Auf 41...Txa4 folgt 42.h5 nebst h6.

42.Dh6 Txa4 43.h5 T4a5 44.Df4?? Richtig war 44.hxg6 hxg6 45.Dd2 mit sehr guten Chancen auf Punkteteilung.

44...g5 45.Df6 h6!

Von Leko übersehen. Er erwartete vielleicht nur 45...T8a6 und dann 46.Dd8+ Kg7 47.Dd4+ Kg8 (47...Tf6 48.h6+ Kg6 49.f4 und hier kämpft Schwarz ums Remis.) 48.h6 Ta3+ 49.f3 Txh6 50.Dd8+ Kg7 51.Dxg5+ Tg6 52.De5+ Tf6 53.g5 Taxf3+ 54.Kg4 T3f4+ 55.Kh3 Tf3+ Dauerschach.

46.f3 46.Dxh6?? T8a6.

46...T5a6 Der Gewinnplan ist, die Türme auf f6 und f4 zu bringen, wonach f3 fällt. Das Bauernendspiel ist dann leicht gewonnen. Der schwarze König wird auf g7 vor Schachs geschützt.

47.Dc3 Ta4 48.Dc6 T8a6 49.De8+ Kg7 50.Db5 T4a5 51.Db4 Td5 52.Db3 Tad6 53.Dc4 Td3 54.Kf2 Ta3 55.Dc5 Ta2+ 56.Kg3 Tf6 57.Db4 Taa6 58.Kg2 Tf4 59.Db2+ Taf6 Leko erschwerte die Durchführung des Plans, konnte ihn aber nicht verhindern. Jetzt ist sichtbar, dass Weiß ohne die h6 und h4 Bauern locker remis halten kann, indem er g5 angreift. Wenn g5 mit dem König gedeckt wird, geht die Dame auf die achte Reihe und droht Dauerschach von g8 und h8.

60.De5 Txf3 61.Da1 Tf1 62.Dc3 T1f2+ 63.Kg3 T2f3+ 64.Dxf3 Txf3+ 65.Kxf3 Kf6 0–1

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog