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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4102 vom 09.10.2004, Kategorie Kolumne

WM-Halbzeit: Kramnik-Leko 3½-3½

Die erste Halbzeit bei der Weltmeisterschaft in klassischem Schach in Brissago (Schweiz) ist vorbei Der Kampf ist - wie erwartet - sehr ausgeglichen. Keiner der beiden Kontrahenten konnte deutlichen Vorteil erlangen. Nach Lekos Patzer in der ersten Partie revanchierte sich Kramnik in der fünften (unserer heutigen Partie). Langsam muss der Herausforderer aber mit mehr Risiko spielen: Bei einem Endstand von 7‑7 bleibt Kramnik Weltmeister.

Weiß: Leko, P. (2741)
Schwarz: Kramnik, V. (2770)
Anmerkung: GM I. Balinov

1.d4 Die erste große Überraschung! Damit wurde auch meine Behauptung in der vorigen Kolumne bezüglich Lekos Eröffnungszug widerlegt. Sein Eröffnungswechsel ist aber leicht nachzuvollziehen: Gegen die Russische Verteidigung war er zweimal erfolglos.

1...Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Le7 5.Lf4 0–0 6.e3 c5 7.dxc5 Lxc5 8.cxd5 Sxd5 9.Sxd5 exd5 10.a3 Sc6 11.Ld3 Lb6 12.0–0 Lg4 13.h3 Lh5 14.b4 Te8 15.Tc1 a6 16.Lxa6 Txa6 17.b5 Txa3 18.bxc6 bxc6 19.Txc6 Ta7 19...Te6 wird ebenfalls gespielt: 20.Dc1 (20.Txe6 fxe6 21.Dc1 Da8 22.Db2 Lxf3 23.Dxb6 Ta6 24.Dc7 Le4 25.Le5 Ta7 und Weiß steht aktiver, für einen Sieg ist der Vorteil aber zu gering. Atalik-Short, EU-ch Ohrid 2001.) 20...Txc6 21.Dxc6 Lxf3 22.gxf3 Ta8 23.Tb1 La5 24.Td1 Tc8 25.Dxd5 Lc7 26.Db3 De8 27.Lg3 Lxg3 28.fxg3 g6 und Weiß versuchte vergeblich, den Mehrbauern zu realisieren, Dreev-Ki.Georgiev, Sarajevo 2002.

20.Td6 Td7 21.Dxd5 Txd6 22.Dxd6 Dxd6 23.Lxd6 Lxf3 Im Match Russland gegen den Rest der Welt 2002 behielt Anand mit 23...Td8 24.Lg3 Lc5 gegen Karpov das Läuferpaar. Der russische Ex-Weltmeister quälte sich noch vergeblich 90 Züge mit Gewinnversuchen.

24.gxf3 Ld8 25.Tb1 Lf6 26.Kg2 g6 Bringt einige Probleme mit sich. Die Alternative war 26...h6.

27.f4 Kg7 28.Tb7 Te6 29.Td7 Te8 30.Ta7 Te6 31.Lc5 Tc6 32.Ta5 Lc3 33.Tb5 Ta6 Droht 34....Ta5: Figurentausch wäre günstig für Schwarz.

34.Tb3 Lf6 35.Tb8 Provoziert den nächsten Zug.

35...h5 36.Tb5 Lc3 37.Tb3 Lf6 38.e4 Ta5 39.Le3 Ta4 40.e5 Le7 41.Tb7 Kf8 42.Tb8+ Kg7 43.Kf3 Tc4 44.Ke2 Ta4 45.Kd3 Lh4? Unachtsam gespielt. Nichts sprach gegen 45...Ta3+ 46.Ke4 Ta4+ 47.Kd5 Ta5+.

46.Ld4 Leko baute die Drohung e5-e6 auf.

46...Ta3+ 47.Kc2 Ta2+ 48.Kd3 Ta3+ 49.Kc4 Ta4+ 50.Kd5 Ta5+ 51.Kc6 Ta4 52.Kc5 Le7+ 52...Ta7 wäre genauer.

53.Kd5 Ta5+ 54.Ke4 Ta4 55.Tc8! 55.e6+ war noch verfrüht: 55...Lf6 56.e7 Txd4+ 57.Ke3 Lxe7 58.Kxd4 Ld6 und f4 fällt.

55...Lh4 56.e6+ Lf6 57.e7 Txd4+ 58.Ke3 Lxe7 59.Kxd4 Lh4? Erschwert die Verteidigung. Richtig war 59...f5 mit der Idee Le7-f6. Weiß kann nur gewinnen, wenn der König das Feld f6 als Durchbruchsfeld nutzen kann. 60.Tc7 Kf6 61 Tc6+ (61.Kd5 Lf8 62.Tc6+ [62.Th7 La3 63.Tb7 Lf8] 62...Kf7 63.Tb6 Lh6! und Weiß kann keine Fortschritte machen [aber nicht 63...Lg7?? 64.Tb7+ Kf8 65.Txg7 Kxg7 66.h4 Kf7 67.Kd6 Kf6 68.Kd7 Kf7 69.f3 Kg8 70.Ke8 Kg7 71.Ke7 Kg8 72.Kf6 Kh7 73.Kf7 Kh6 74.Kg8 g5 75.fxg5+ mit Gewinn]) 61...Kf7 62.Ke5 Ld8! 63.f3 h4! mit beidseitigem Zugzwang: Weiß am Zug remis, bei Schwarz am Zug gewinnt Weiß.

60.f3 f5 61.Tc7+ Kf6 Jetzt wird sichtbar, dass der Läufer auf h4 schlecht steht. Er ist weit von der Diagonale a1–h8 entfernt.

62.Kd5 Lg3??

Erstaunlich, dass der Weltmeister Lekos Druck nicht standhalten konnte! Mit 62...Le1! konnte er die Partie immer noch retten: 63.Tc6+ Kf7 64.Ke5 La5! 65.Tf6+ (65.Tc5 Ld8 66.Tc6 La5) 65...Kg7 66.Ke6 Lc3 67.Tf7+ Kg8 68.Tc7 Ld4.

63.Tc6+ Kg7 64.Ke5 h4 64...Lh4 verliert: 65.Tc7+ Kf8 66.Ke6 Kg8 67.Tc8+ Kg7 68.Tb8 und Schwarz ist im Zugzwang: Der weiße König kommt über f7 oder f6 durch.

65.Tc7+ Kh6 66.Tc4 Kg7 67.Ke6 Lh2 68.Tc7+ Kh6 69.Kf7 Der Rest ist elementar: 69.Kf7 Lxf4 70.Tc6 Kh5 71.Txg6 Le3 72.Kf6 f4 73.Tg8 Ld4+ 74.Kf5 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog