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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4265 vom 11.12.2004, Kategorie Kolumne

Kasparov siegte souverän in Moskau

Vor zwanzig Jahren im Hotel „Russia“, beim historischen WM-Match gegen Karpov, konnte sich der junge Kasparov nach einem Rückstand von 5 Punkten gerade noch retten. Karpov fehlte damals nur mehr ein Sieg, den er nicht schaffte und der Wettkampf wurde nach 48 Partien und 5 Monaten Spielzeit (!) abgebrochen. Zwanzig Jahre später im gleichen Hotel gewann Kasparov zum ersten Mal die russische Meisterschaft und damit ein Preisgeld von 50 000 US$. Überzeugend mit 7½ aus 10. (5 Siege und 5 Remisen). Das ist übrigens sein erster Turniersieg seit Linares 2002. Trotz der Absagen von Kramnik (gesundheitliche Gründe) und Karpov (geschäftliche Gründe) war die Meisterschaft mit einem Eloschnitt von 2678 eine der stärksten in der Geschichte. Mit 6 Punkten wurde Grischuk Zweiter vor Dreev mit 5½.

Weiß: Tseshkovsky, V. (2577)
Schwarz: Kasparov, G. (2813)
Anmerkung: GM I. Balinov

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le2 e6 Das Scheweningen System. 6...e5 ist weniger dynamisch, aber auch gut spielbar für Schwarz.

7.0–0 Le7 8.a4 Sc6 9.Le3 0–0 10.f4 Dc7 11.Kh1 Te8 Die Grundstellung der Variante.

12.Lg1 Eine alte Idee von Efim Geller. Die Hauptzüge sind hier: 12.Dd2 oder 12.De1.

12...Ld7 Mit der Idee 13...Sd4 und 14...Lc6. Die Alternative war: 12...Sxd4 13.Dxd4 e5 14.Dd3 exf4 15.Txf4 d5 mit Gleichgewicht.

13.Sb3 Vermeidet den Tausch auf d4 und droht mit der Fixierung a4-a5.

13...b6 Gegen a4-a5 gerichtet.

14.Lf3 Tab8 15.De2 Sb4 Auf 15...Lc8 sieht 16.Dc4 unangenehm aus, aber nach 16...Lb7 17.Sd5 (auf 17.e5 einfach 17...dxe5 18.fxe5 Sd7) 17...exd5 18.exd5 Tbc8 19.dxc6 d5 20.Dd3 Dxc6 21.Sd4 Dc7 22.Le3 Se4 kann Schwarz zufrieden sein.

16.e5 Neuer Zug. Schwarz bekam nach 16.Tad1 e5 17.f5 d5 ausgezeichnetes Spiel. Karjakin-Vorobiov Governers Cup 2001.

16...Sfd5 16...dxe5 17.fxe5 öffnet nur die f-Linie.

17.Sxd5 Sxd5 18.Le4 b5? Kasparov kritisierte nach der Partie diesen Zug und empfiehlt 18...g6. Der e5 Bauer ist indirekt gedeckt: 18...dxe5 19.fxe5 Dxe5 20.Lxh7+.

19.Sd4 g6 Nun ist dieser Zug schon notwendig. Versuche, Gegenspiel zu organisieren, sind unzureichend: 19...bxa4 20.f5 oder 19...Sxf4 20.Txf4 dxe5 21.Lxh7+ Kf8 22.Txf7+ Kxf7 23.Dh5+ Kf8 24.Lg6 Lf6 25.Sb3.

20.f5!?

Besser wäre es, zuerst die a-Linie mit 20.axb5 axb5 aufzumachen.

20...exf5 Die Variante 20...dxe5 21.Sxe6! fxe6 22.fxg6 h6 23.Tf7 behagte dem neuen russischen Champion offensichtlich nicht. Kasparov verteidigt sich nur ungern. Stattdessen gibt er lieber eine Figur für drei Bauern, aber mit sicherem König.

21.Lxd5 dxe5 22.Sxf5 Der alte Meister Tseshkovsky gibt keine Ruhe! Psychologisch richtige Entscheidung. Ein Pragmatiker hätte 22.Sf3 e4 23.Sd4 bxa4 24.c4 gespielt.

22...Lxf5 23.Txf5 gxf5 24.Dh5 Lf8 25.Dxf5 Lg7 Die kritische Stellung nach dem Qualitätsopfer.

26.Ta3 Wieder sehr aggressiv! Weiß steht nach 26.axb5 Txb5 27.c4 Txd5 (aber nicht 27...Txb2 28.Txa6) 28.cxd5 ein bisschen besser.

26...e4! Aktive Verteidigung!

27.Th3 Interessant war natürlich auch 27.Lxe4: Z.b: 27...Te6! 28.Dxh7+ Kf8 29.Tg3 29...Dxg3 (29...Lxb2 führt forciert zu einem verlorenen Endspiel) 30.Lc5+ Dd6 31.Lxd6+ Txd6 32.g4 bxa4 33.Df5 Lxb2 34.Ld5 Tf6 35.Dd7 Le5 mit unklarer Stellung.

27...h6 Der andere spielbare Zug wäre 27...Te5. Z.B. 28.Dxh7+ Kf8 29.Lxe4 bxa4 30.Tg3 Lf6 31.c4 Ke7 32.Ld5 Tf8 33.Tf3 Te1 34.Txf6 Txg1+ 35.Kxg1 Kxf6 36.Dh6+ Ke7 37.Dg5+ Kd7 38.Df5+ Ke7. 27...De5? verliert wegen 28.Dxf7+ Kh8 29.Dg6. Die Variante 27...e3 28.Dxh7+ Kf8 29.Tg3 De5 30.Lxe3 Tbc8 31.axb5 axb5 32.c3 wäre günstig für Schwarz.

28.Tg3? Ungenau in der Zeitnot-Phase. Richtig war 28.Dg6 e3 einzig 29.Tg3 De5 30.Lxf7+ Kh8 31.Txe3 Dxe3 32.Lxe3 Txe3 33.g3 Te2 und Weiß steht besser. Ob es für einen Sieg reicht, ist ungewiss. Auf 33...bxa4 ist 34.Dxa6 stark.

28...De5 29.Lxf7+ Kh8 30.Dg6 Tf8 30...Te7 war auch gut.

31.axb5 axb5 32.Ld5 Mehr Chancen auf Ausgleich bot 32.Te3 Tbd8 33.Txe4 Dxb2 34.Te1 Dc3 35.Tb1 b4 36.Lb3

32...Tf1 33.c3 33.Lxe4 funktioniert nicht: 33...Txg1+ 34.Kxg1 Dd4+ 35.Kf1 Dd1+ 36.Kf2 Ld4+ 37.Te3 Tf8+ 38.Lf5 Dxc2+ 39.Kg3 Dxf5 40.Dxh6+ Kg8.

33...Tbf8 34.h3 Die Schwäche der Grundreihe ist auch bei 34.Dxe4 Te1 35.Dxe5 Lxe5 36.Tf3 Td8 37.Lb3 Ta8 entscheidend.

34...Df6? 34...Te1 gewinnt rasch.

35.Lxe4 Dxg6 36.Txg6 36.Lxg6 wäre schwächer: 36...Ta8 37.Tf3 Tc1 38.Kh2 Le5+ 39.g3 Ta2 40.Kg2 Txb2+ 41.Tf2 Txf2+ 42.Lxf2 Lxc3 mit großem Vorteil.

36...Te8 37.Ld3? Der letzte Fehler in dieser spannenden Partie. Aber sogar nach dem zähen 37.Tg4 sollte Schwarz langsam siegen: 37...Lf6 38.Ld3 Td1 39.Te4 (39.Lc2 Tc1 40.Le4 h5 41.Tf4 Lg5) 39...Txe4 40.Lxe4 b4 41.g4 b3 42.Kg2 Td2+ 43.Kf3 Txb2.

37...Td1 38.Td6 Lf8 39.Lg6 Lxd6 39...Lxd6 40.Lxe8 Lc5 und Schwarz bleibt ein Turm mehr. 0–1

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog