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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4294 vom 19.02.2005, Kategorie Kolumne

GM Turnier in der Pulvermühle

Anlässlich der Schacholympiade 2008 in Dresden hat der Deutsche Schachbund konkrete Ziele: Aufbauen von starken B-Mannschaften (sowohl bei den Herren als auch bei den Damen) durch Förderung und Unterstützung von jungen talentierten SchachspielerInnen. In diesem Zusammenhang wurde vom 4. bis 11. Februar ein GM Turnier im Hotel „Pulvermühle“ (Fränkische Schweiz) organisiert, wo sechs der besten Jungendspieler vom Olympiakader, alle zwischen 14 und 17 Jahre alt, auf vier Großmeister trafen. Das Hotel ist seit sechs Generationen im Besitz der Familie Bezold (GM Michael Bezold) und hat eine große Schachtradition: Hier weilten Schachgrößen wie Botwinnik, Keres, Petrosian und Fischer.

Die Überraschung des Turniers war Georg Meier: IM Norm und 3. Platz, mit einem sehr solidem Stil. Am meisten imponierte mir aber die Schnelligkeit und die Aggressivität des 14 jährigen Ilja Brener (hat 2 IM-Normen). Peter Wells kam direkt vom Open in Gibraltar, wo er in der letzten Runde gegen Speelman gewann. Mit diesem Schwung war er nicht zu halten. Das erfuhr ich in der 8. Runde, wo ich unbedingt punkten musste, damit ich meine Chance auf einen Spitzenplatz bewahren konnte.

Endstand: 1.GM Peter Wells mit 6½ aus 9. 2.GM Mikhei Mchedlishvili 6. 3. Georg Meier 6. 4. GM Dimitri Reinderman 5. 5.GM David Baramidze 4½. 6. Axel Heinz 4½. 7. GM Ilia Balinov 4. 8. IM Arik Braun 3½. 9. Falko Bindrich 2½. 10.I. Brener 2½.

Weiß: Braun, A. (2463)
Schwarz: Balinov, I. (2372)
Anmerkung: GM I. Balinov

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 Lg7 Arik wollte die durchanalysierte Grünfeld-Verteidigung mit 3...d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 vermeiden, wie schon Kramnik gegen Shirov.

4.e4 d6 Das ist die typische Struktur der Sämisch-Variante in der Königsindischen Verteidigung.

5.Sc3 0–0 6.Le3 Sc6 7.Sge2 Tb8 8.Dd2 Schwarz kann mit der Abwicklung: 8.d5 Se5 9.Lxa7 Ta8 10.Ld4 Sxc4 zufrieden sein.

8...Te8 Die Vorbereitung von b7-b5 mit 8...a6 ist die Hauptalternative.

9.Sc1 Das ist das Standard-Manöver in Sämisch: der Springer geht auf b3, wonach Weiß die Entwicklung mit Le2 und Rochade beendet. Danach hat Schwarz kaum Gegenspiel: auf e7-e5 folgt d4-d5 nebst c4-c5 mit schneller Initiative am Damenflügel. Schlussfolgerung: der Nachziehende muss sofort handeln! Prinzipieller ist aber 9.h4 nebst lange Rochade. Sehr oft entpuppt sich der Zug Tf8-e8 dann eher als Tempoverlust.

9...e5! 10.d5 Sd4 11.Sb3 c5! Aber nicht 11...Sxb3 12.axb3 a6 13.b4 und das weiße Übergewicht ist unumstritten.

12.dxc6 bxc6 Auf 12...Sxb3 folgt der Zwischenzug 13.c7! Dxc7 14.axb3.

13.Sxd4 exd4 14.Lxd4 c5 14...d5 sieht verlockend aus: 15.cxd5 cxd5 16.Lb5 (16.e5 Sh5 wurde auch gespielt.) 16...Txb5 17.Sxb5 Sxe4 18.fxe4 Txe4+ und 19.Kf1! (19.Kf2 wäre ein Fehler: 19...Dh4+ 20.g3 Txd4 21.De3 Df6+ und Schwarz hat vernichtenden Angriff.) 19...La6 20.Lxg7 Lxb5+ 21.Kg1 Kxg7 22.h3 und nach 22...Df6 23.Df2 De5 kompensiert die aktive schwarze Stellung die Minusqualität.

15.Le3 d5!

Diese Idee ist nicht neu. Ich kenne sie von Niki Stanec, der schon gegen ÖM Zöbisch so gewann.

16.0–0–0 Neuerung, die eher nach Zugeständnis "klingt". Eine der kritischsten Stellungen entsteht nach: 16.cxd5 Sxd5 17.Sxd5 Txb2 18.Dc1 Le6 19.Lc4 Txg2 20.Tb1 Dh4+ 21.Kd1 Dh3 22.Tf1. In der Analyse nach der Partie zeigte ich folgende Variante: 22...Txa2 23.Ld2 Lxd5 24.exd5 Le5 und hier meldete sich Peter Wells völlig berechtigt: "What is this?". "Fritz" war meine lakonische Antwort. 25.Tf2 Dh4. In der Vorbereitung wagte ich den Zug 26.Te2 "Fritz" vorzuschlagen. Und abrupt sprang die Bewertung! 26...Txd2+ 27.Txd2 Lb2!! 28.Dxb2 Te1+ 29.Kc2 Dxc4+ 30.Dc3 Dxc3+ 31.Kxc3 Txb1 und Schwarz hat zwei Bauern mehr! Aber vorsichtig mit der Euphorie! Nach 32.d6 Tb8 33.d7 Td8 34.Kc4 Kf8 35.Kxc5 Ke7 36.Kc6 wird klar: Schwarz ist reif zur Aufgabe.

16...d4 17.Lf4 Tb4 17...Tb7 war solider.

18.Sb5 18.Sd5 wäre wegen 18...Sxd5 19.cxd5 d3 20.b3 Da5 ganz schlecht. 21.Lxd3? geht wegen 21...Da3+ 22.Kb1 Txb3+ 23.axb3 Da1+ 24.Kc2 Db2# nicht.

18...Sh5 Das Brutale 18...Txe4 19.fxe4 Sxe4 hat mich natürlich gereizt, aber es war unmöglich alle Varianten zu berechnen.

19.Lg5? 19.a3 wäre auch problematisch: 19...Txb5 20.cxb5 Sxf4 21.Dxf4 Le6 nebst c5-c4 . Richtig war 19.Lc7 Df6 mit kompliziertem Spiel.(19...Dd7 20.La5)

19...Da5 20.a3 Nach 20.Kb1 d3 21.Sc3 Le6 läuft der Angriff von selbst.

20...d3 21.Lxd3 Auf 21.Dxd3 folgt 21...Lxb2+ 22.Kc2 und 22...Le5.

21...Lxb2+ 22.Dxb2 Txb2 23.Kxb2 Le6 24.Tb1? Der entscheidende Fehler. Weiß konnte noch mit 24.g4 Sg7 25.Lf4 die Partie halten.

24...Tb8 25.Kc2 f6! 26.Le3 Da4+ 27.Kd2 Td8 27...Lxc4?? 28.Sc3

28.Sc3 Dxc4 29.Sd5 Da2+ 30.Lc2 Lxd5 31.exd5 Txd5+ 32.Kc3 Dxa3+ 33.Lb3 Db4+ 34.Kc2 c4 35.La2 Da4+ 36.Kb2 Ta5 37.Ta1 Da3+ 38.Kc2 Dd3+ 0–1

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog