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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4447 vom 05.11.2005, Kategorie Kolumne

Partienachlese von der WM

Eine schöne Partie von Ex-Weltmeister Kasimdzhanov als weitere Demonstration für das kompromisslose Angriffsschach, das die Schachwelt aus San Luis serviert bekam.

Weiß: Kasimdzhanov (2670)
Schwarz: Polgar (2735)
WM 2005, San Luis
Anmerkung: Großmeister Balinov

1.e4 c5 2.Sf3 d6 Judith Polgar erlitt schwere Niederlagen in ihren Spezialvarianten im Paulsen System (2....e6) und wechselte daher zu Najdorf.

3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le2 e6 Übergang in die Scheveningen-Variante. 6...e5 führt zu ruhigeren Stellungen mit ausgeglichenen Chancen.

7.a4 Gegen b7-b5 gerichtet.

7...Le7 8.0–0 Sc6 9.Le3 0–0 10.f4 Ld7 10...Dc7 ist am flexibelsten.

11.Sb3 Sonst folgt 11...Sd4. Zwischendurch droht 12.a5 mit Fixierung des Damenflügels.

11...b6 Die andere Möglichkeit ist 11...Sa5 (gegen 12.a4-a5), wobei aber nach 12.e5 Se8 13.Sxa5 Dxa5 14.Se4 Dc7 15.a5 die weiße Position zu bevorzugen wäre.

12.Lf3 Dc7 13.g4 Der Ex-Weltmeister beginnt den üblichen Angriff am Königsflügel. Wichtiges Detail: Er hat sich den prophylaktischen Zug Kg1–h1 (früher ein "Muss") erspart.

13...Lc8 Macht Platz für den Springer.

14.g5 Sd7 15.Lg2 Ermöglicht das Manöver Tf1–f3-h3 und befreit die f-Linie: der Bauermarsch f4-f5 hängt schon in der Luft.

15...Te8 16.Tf3 Lf8 17.Th3 g6 Verhindert Dd1–h5.

18.De1 Sb4 Neuer Zug. Gespielt wurde 18...Lg7.

19.Df2 Auf 19.Dh4 folgt 19...h5.

19...Tb8 Überdeckt den b6-Bauer, bereitet b6-b5 vor und der Läufer bleibt auf c8, von wo er den Turm auf h3 im Visier hat.

20.Tf1 Erhöht den Druck auf die f-Linie Droht f4-f5.

20...f5 Diese Verteidigungsidee wurde in ähnlicher Stellung von Kasparov im Match gegen Karpov präsentiert. Schwarz hat nach dem natürlichen Zug 20...Lg7 Schwierigkeiten. Beispiel: 21.f5 exf5 22.exf5 Sf8 (22...Se5 23.Dh4 Lxf5 24.Txf5 gxf5 25.Dxb4) 23.f6 Lh8 24.Th4 a5 25.Sd4.

21.exf5 Nach 21.gxf6 Sxf6 hätte Schwarz keine Probleme.

21...gxf5 22.Ld4 Te7 22...Lb7 wäre gefährlich, aber vielleicht doch spielbar. Zum Beispiel 23.g6 (Weiß stünden hier einige Züge zur Auswahl: 23.Tg3 oder 23.Te1 oder 23.Lxb7) 23...hxg6 24.Th8+ Kf7 25.Th7+ Kg8 26.Dh4 e5 27.Lxb7 Dxb7 28.fxe5 dxe5 29.Th8+ (29.Le3 Sxc2 30.Lg5) 29...Kf7 30.Se4 Ke6 31.Sg5+ Kd6 mit undurchschaubaren Komplikationen.

23.Te1 e5 Keine leichte Entscheidung, aber was sonst? Auf 23...Sc5 folgt 24.Lf6 Tf7 25.Dh4 und nach 25...Le7 26.Sd4 Lxf6 27.gxf6 Kh8 28.Sxf5 e5 29.Sxd6! Dxd6 30.fxe5 Dc7 31.Tg3 wäre die schwarze Lage kritisch. 23...Sc6 verliert gleich nach 24.Sd5!

24.Sd5 Sxd5 25.Lxd5+ Kh8 26.Lc3 Beachtung verdient 26.fxe5 Sxe5 27.Df4.

26...Lb7 Eine interessante Möglichkeit war hier 26...b5!?, um nach 27.La5 Sb6 28.axb5 axb5 29.Tc3 die Dame für Turm und Läufer zu geben: 29...Dxc3 30.Lxc3 Sxd5.

27.Lxb7 Dxb7.

Diagramm

28.Sd4! Kasimdzhanov bringt die letzte Figur in den Angriff! Polgar setzte ihre Hoffnung auf 28.fxe5 Sxe5 29.Dxf5 Tbe8 mit Kompensation. Zum Beispiel: 30.Sd2 Tf7 31.De4 Dd7 32.g6 Tg7 33.Txh7+ Txh7 34.gxh7 Lg7.

28...Tf7 28...exd4 geht wegen 29.Txe7 Lxe7 30.Dxd4+ Lf6 31.gxf6 Tg8+ 32.Tg3 Txg3+ 33.hxg3 Kg8 34.Dxd6 nicht. Das Endspiel ist leicht gewonnen.

29.Dh4 Stark war nun 29.g6! Tg7 30.Txh7+ Txh7 31.gxh7 und nach 31...Sc5 32.fxe5 Sxa4 33.e6 Sxc3 34.bxc3 Dg7+ 35.Kf1 Le7 36.Sxf5 Df6 37.Sxe7 Dxe7 38.Dd4+ Dg7 39.e7 (39.Te3!?) 39...Te8 40.Dxd6 besteht über den Partieausgang kein Zweifel.

29...b5 Einfallsreich, aber nicht ausreichend! Besser war 29...Te8 und 30.Sxf5 Te6 31.Dh5 Kg8

30.Sxf5 d5 Das ist Polgars Idee gewesen. Andere Fortsetzungen verlieren: 30...Da7+ 31.Tee3 b4 32.g6 oder 30...b4 31.g6 Sc5 32.gxf7 Dxf7 33.Sxd6 Lxd6 34.Lxe5+ Lxe5 35.fxe5.

31.g6!? Auch gut, aber unnötig kompliziert! Weiß könnte sowohl mit 31.Dh5 Lc5+ (31...Kg8 32.g6 Db6+ 33.Kh1 Dxg6 34.Tg1) 32.Kf1 Tbf8 33.g6 Sf6 34.Lxe5 als auch mit 31.fxe5 Lc5+ 32.Se3 d4 33.e6 Tg7 34.Lxd4 Lxd4 35.Dxd4 Db6 36.Sf5 Dxd4+ 37.Sxd4 Txg5+ 38.Tg3 Txg3+ 39.hxg3 Sf6 40.axb5 axb5 41.c3 gewinnen.

31...Db6+ 32.Kh1 Dxg6 33.Txe5? Ungenau! Schon ist der große Vorteil verspielt. 33.fxe5 wäre viel einfacher: 33...b4 34.Ld4 und auf 34...De6 35.Dh5 droht Dh7-f7 und e5-e6 mit Qualitätsgewinn. Auf 35...Sf6 folgt 36.Dg6! Lc5 37.Lxc5 Tg8 38.Txh7+! Txh7 39.Dxf6+ Dxf6 40.exf6.

33...Sxe5 34.Lxe5+ Lg7 35.Sxg7 Txg7 36.Lxg7+ 36.Tg3 führt zum Dauerschach: 36...De4+ 37.Kg1 De1+ 38.Kg2 De2+ 39.Kg1 (39.Kh3?? Df1+)

36...Dxg7 37.axb5 axb5 Schwarz hat sich mit nur einem Bauern weniger aus der Affäre gezogen!

38.c3 Dg6? Kostet ein Tempo! Besser wäre es, den Turm sofort ins Spiel zu bringen: 38...Te8.

39.f5 Dg7 40.Te3 Ta8 41.De1 Df7 42.Dd1 Dg7 42...Dxf5 verliert forciert: 43.Dd4+ Kg8 44.Tg3+ Kf7 45.Dg7+ Ke6 46.Te3+ Kd6 47.De7+ Kc6 48.Te6+

43.b4 43.Te1 war interessant.

43...h6 44.De1 Ta7? Der entscheidende Fehler. Schwarz könnte sich mit 44...Tg8 45.Tg3 (45.Dg3!?) 45...Df6 46.Txg8+ Kxg8 47.De8+ Kg7 48.Dxb5 Dxf5 49.De2 noch wehren.

45.f6! Dxf6 Oder 45...Dg6 46.Te8+ Kh7 47.Te7+ Txe7 48.fxe7 De8 49.De5.

46.Te8+ Kh7 47.Db1+ Zeit zum Aufgeben: 47.Db1+ Kg7 (47...Dg6 48.Th8+ Kg7 49.Tg8+) 48.Dg1+ Dg5 49.Dxa7+ 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog