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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 4695 vom 29.04.2006, Kategorie Kolumne

Überraschungen bei der Europameisterschaft

Wäre die Austragung der Schach-Einzel-Europameisterschaft ein Kriterium zur Aufnahme in die Europäische Union, bräuchte sich die Türkei keine Sorgen darüber zu machen. Nach 2003 in Silivri, und 2004 in Antalya fand sie heuer vom 4. bis 17. April in Kusadasi zum dritten Mal (von insgesamt 7) im Lande Atatürks statt. Der türkische Schachverband bemüht sich enorm, das königliche Spiel populär zu machen. Es wurden und werden viele Turniere organisiert, Spitzentrainer engagiert (Ivanchuk, Portisch) und starke Spieler eingebürgert - GM Gurevich, Suat Atalik im Doppelpack mit seiner jungen Frau WGM Ekaterina Atalik, die für die Türkei prompt den Meistertitel bei den Damen gewann!

Das Turnier bot reichlich Überraschungen, sowohl bei den Herren (138 Teilnehmer) als auch bei den Damen (96 Teilnehmerinnen)! Wer konnte ahnen, dass der Kroate Zdenko Kozul mit so einer Leichtigkeit die Goldene gewinnen wird! Und zwar mit einem halben Punkt Vorsprung auf den Turnierfavoriten Vasily Ivanchuk! Noch krasser war es bei den Damen! Die Startnummer 25 – eben die frisch gebackene Türkin Ekaterina Atalik, gewann vor Startnummer 24, Tea Bosboom Lanchava aus Holland!

Aus österreichischer Sicht hatte nur Eva Moser eine Chance auf einen Spitzenplatz. Sie startete leider weit unter ihrer Erwartung, schaffte es aber nach einem rasanten Finish (4,5 Punkte aus 5 Partien!) auf Rang 17. Der einzige männliche Vertreter Christian Weiss fing fantastisch an. Nach 5 Runden lag er mit 3 aus 5 sogar auf Großmeisterkurs, konnte aber in der zweiten Hälfte das Tempo nicht halten und fiel deutlich zurück.

Weiß: Fressinet (2625)
Schwarz: Cvitan (2528)
Anmerkung: GM Balinov

Eine der schönsten Partien in der Meisterschaft!

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.g3 Abseits der Hauptvarianten mit 6.Le3 und 6.Le2. Wer sich für die Variante interessiert, dem empfehle ich die Partien von GM Adams und GM Peter Popovic zu studieren.

6...e6 Nun entstehen oft Scheveningen-Stellungen mit einem Tempo mehr für Weiß, das aber oft entscheidend sein kann. 6...e5 scheint mir konsequenter zu sein.

7.Lg2 Le7 Stark verbreitet ist die Zugfolge: 7...Dc7 8.0–0 Sc6 9.Te1 und hier spielt Schwarz 9...Tb8 (oder 9...Sd7 - vermeidet e4-e5.) 10.Sxc6 bxc6. Weiß setzt mit 11.Sa4 nebst c2-c4 fort.(11.e5 dxe5 12.Txe5 Dxe5 13.Lf4 Dc5 14.Lxb8 Le7 führt zum Gleichgewicht.).

8.0–0 Dc7 9.Le3 0–0 10.g4 Sc6 11.g5 Sd7 12.f4 Te8 13.Dh5 Braucht Weiß den prophylaktischen Zug 13.Kh1? Eine Frage, die schwer zu beantworten ist: Der Ende der 90-er Jahre in Wien lebende serbische Großmeister Peter Popovic, mit dem ich das Privileg hatte, zusammen zu analysieren und zu trainieren, spielte in dieser Position ausschließlich Kh1.

13...g6 14.Dh3 Neuer Zug. Bekannt ist 14.Dh4.

14...Lf8 15.a4 Lg7 16.Tad1 Sxd4 17.Txd4!? Richtige Entscheidung - der Franzose hat keine Probleme, den Turm für den Verteidiger g7 zu tauschen. Nach 17.Lxd4 e5 18.fxe5 Sxe5 19.Dh4 Le6 könnte Schwarz mehr als zufrieden sein.

17...Sb6 Droht schon Nehmen auf d4, aber mit dem Nachteil, dass der Springer weg vom Königsflügel steht. Auf 17...Sf8 folgt 18.Td3 nebst Verdoppeln auf der d-Linie.

18.e5! d5? Nach diesem Zug steht Schwarz einfach schlecht. Bessere Chancen bot 18...dxe5 19.fxe5 (19.Se4 bringt nichts: 19...exd4 20.Sf6+ Lxf6 21.gxf6 Dd8 22.Td1 Dxf6 23.Lxd4 e5) 19...Lxe5 20.Se4 (20.Th4 Lxc3 21.Txh7 21...Lg7 22.Txg7+ Kxg7 23.Dh6+ Kg8 24.Tf4 Td8 25.Th4 Td1+ 26.Lf1 De5 27.Lxb6 Td5 28.Lg2 De1+ 29.Lf1 De5 mit Zugwiederholung.) 20...Sd5 21.Td2 mit komplizierter Stellung.

19.Lf2! Neutralisiert Sb6-c4.

19...Ld7 20.f5!? Direkt und nicht ganz klar! Gut und risikolos war 20.b3.

20...gxf5 Auf 20...exf5 wäre 21.a5 stark und auf 20...Lxe5 folgt 21.Th4 h5 22.f6 Th4-h5.

21.Th4 Sc8 Interessant war 21...h6! 22.g6 (22.gxh6 Lxe5) 22...fxg6 23.Txh6 Kf7 (Alternative wäre 23...Sxa4 24.Txg6 Sxc3 25.bxc3 Lb5) 24.a5 Sa4 (24...Sc4 ist nicht so gut: 25.Ld4 Th8 26.Txf5+ gxf5 27.Dh5+ Kg8 28.Txh8+ Lxh8 29.Sxd5 Le8 30.Dxh8+ Kxh8 31.Sxc7 Tc8 32.Sxe8 Txe8 33.Lxb7 Sxa5 34.Lxa6 mit Vorteil für Weiß.) 25.Ld4 Sxc3 26.bxc3 Th8 und die weiße Attacke ist abgewehrt.

22.Txh7 Se7? Die letzte Verteidigung war 22...Dxe5 23.Td1 Se7! 24.Ld4 Dxd4+ 25.Txd4 Lxd4+ 26.Kh1 Sg6 27.Se2 Le5! mit Kompensation.(27...Lg7? 28.Txg7+ Kxg7 29.Dh6+ Kg8 30.Sg3)

23.Ld4 Dc4 Die Mattdrohungen werden intensiver: 23...Sg6 24.Txg7+ Kxg7 25.Dh6+ Kg8 26.Sxd5 exd5 27.e6; 23...Lxe5 24.Th8+ Lxh8 25.Dxh8#

24.Tf4 Sg6

Diagramm 1

25.Txg7+! Kxg7 26.Dh6+ Kg8 27.Sxd5! Dxd5 Oder 27...exd5 28.e6 Dxd4+ 29.Txd4 Lxe6 30.Lxd5 Lxd5 31.Txd5 Te4 32.Td6 mit leichtem Gewinn.

28.Lxd5 Sxf4 29.g6! GM Fressinet ist in seinem Element!

29...Sxg6 Auf 29...fxg6 folgt 30.Dxf4 exd5 31.e6 Txe6 32.Dh6 Kf7 33.Dg7+ Ke8 34.Dg8+ Ke7 35.Dxa8.

30.h4! Tad8 31.h5 Sf8 32.Lf2 Lc6 33.Lh4! Txd5 34.Lf6 Td1+ 35.Kf2 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog