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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 575 vom 16.01.1998, Kategorie Kolumne

FIDE-WM in Groningen & Lausanne (III): Anatoli Karpow verteidigt Titel erfolgreich (16. Jänner 1998)

Entgegen unserer Prognose ging das in Lausanne ausgetragene Finale der im KO-Modus ausgetragenen Schachweltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Anatoli Karpow und seinem Herausforderer Visnawathan Anand nach dem Sieg des Inders in der nachfolgenden wechselhaften 6. Partie doch noch ins Tiebreak. Hier zeigte es sich jedoch rasch, daß der von der 3wöchigen Ausscheidung völlig ausgelaugte Herausforderer nichts mehr zuzusetzen hatte. Er verlor trotz klarer Gewinnstellung in der 1. Tiebreak-Partie geradezu kläglich und in der nachfolgenden zweiten vollends die Nerven.

Weiß: GM V. Anand

Schwarz: GM A. Karpow

Trompowsy-Angriff [D42]
Anm. I. Balinov

1. d4. Anand gewährt dem Damenbauern, mit dem er gewöhnlich eröffnet zur Überraschung seines Gegners ein Time-out (Schlag nach bei Fischer!).

1. ... Sf6 2. Lg5 e6 3. e4 h6 4. Lxf6 Dxf6 5. Sc3 d6 6. Dd2 g5 7. Lc4!?. Der erste neue Zug, mit der Idee, 8. Se2 und 9.0–0 nachfolgen zu lassen. Bekannt ist 7. 0–0–0 Lg7 8. e5 (8. h4 räumt Schwarz nach 8. ... Sc6 Gegenspiel ein.) 8. ... dxe5! (Zu unklaren Verwicklungen führt 8. ... De7 9. exd6 cxd6 10. h4!? Sc6) 9. dxe5 De7 (Schwach ist 9. ... Df4?! 10. Dxf4 gxf4 11. Sf3 Ld7 12. Ld3 Sc6 13. The1 mit überlegenem Spiel für Weiß.) 10. f4 Sc6 11. Sf3 (Interessant und keineswegs klar war 11. g3 ) 11. ... Ld7 und nun folgte in der Partie Adams-Karpow, Las Palmas 1994, 12. h4 gxf4 13. Dxf4 0–0–0 14. Se4 Sb8! (Besser als 14. ... Thf8!? 15. Ld3 f6 16. exf6 Lxf6 17. Dxh6 mit unklaren Verwicklungen.) 15. Le2 Lc6 16. Sf6 Sd7! 17. Sh5 Lxf3 18. Lxf3 Lxe5 19. De4 c6 20. Txd7 Lxb2+! mit Vorteil für Schwarz, den er später zum Sieg verdichtete.

Als Alternative gibt Karpow im Schachinformator (Bd 60) 12. Se4 0–0–0 (12. ... gxf4 13. Sc5! 0–0–0 14. Dc3) 13. Dc3 (13. Lb5 Sxe5) 13. ... Db4!, mit nur geringfügig besserem Spiel für Schwarz, an.

7. ... Sc6 8. Sge2 Lg7 9. Td1. Möglich war auch 9. Sb5 De7 10. a4 (10. c3!?) 10. ... e5 11. d5 Sb8 12. Ld3 und Weiß steht, wenn überhaupt, nur minimal besser.

9. ... Ld7 10. 0–0 0–0–0 11. Sb5!?. Mit der Absicht, 12. d5 nachfolgen zu lassen. Dem konnte der Nachziehende allerdings gelassen entgegensehen, z.B: 11. ... Kb8 12. d5 (Keinen Vorteil versprach auch 12. b4 ) 12. ... Se5 13. Da5 Lxb5 14. Lxb5 und Schwarz hat Ausgleich.

11. ... a6 12. Sa3. Weiß plant Linienöffnung mittels 13. c3, nebst b2-b4-b5 mit Angriffsaussichten am Damenflügel.

12. ... g4!?. Mit der Idee h4-h5 bzw. d5-d4. Gutes Spiel für Schwarz versprach auch 12. ... Dg6!?.

13. f4!. Etwas ehrgeiziger als 13. b4 Dg5 14. Dc3 d5 und Schwarz hat Ausgleich.

13. ... gxf3. Weniger gut war 13. ... Dg6 14. e5 mit etwas Raumvorteil für Weiß.

14. Txf3 De7. Ehrgeiziger als 14. ... Dg6 15. Tg3 Dh7 16. c3 f5 17. exf5 exf5 18. Sc2 h5 19. Sf4 h4 20. Te3 Tde8 21. Tde1 Lh6 22. Df2 Lg5 23. Txe8+ Txe8 24. Txe8+ Lxe8 25. Se1 Lf7 26. Lxf7 Dxf7 27. b3, und Schwarz hat zumindest keinen Vorteil.

15. c3 h5!. Zwecks Vorbereitung von ... Lh6 und Turmverdopplung in der g-Linie.

16. Tdf1 Tdf8 17. b4 Weiß strebt nach Linienöffnung gegen den feindlichen König.

17. ... Sa7!?. Auch nach 17. ... Sd8 18. Sc2 (Unklar war 18. Tb1 ) 18. ... Lh6 19. Dd3 Tfg8 20. Tb1 hat Weiß das etwas freiere Spiel.

18. Sc2 Lh6 19. De1 Kb8 20. Ld3 Lc6!?. Schwarz plant 21...f5 und/oder ...Thg8 mit Angriff entlang der g-Linie.

21. Sf4 Tfg8 22. d5. 22. Sxh5 böte Schwarz nach 22. ... f5 23. c4 Tg4 Gegenspiel.

22. ... Le8. 22. ... Lxf4? verbietet sich selbstredend wegen 23. dxc6, doch kam auch 22. ... Ld7 23. Sxh5 Dg5 24. Sg3 exd5 25. exd5 Dxd5 26. c4 Dg5 27. Txf7, mit nur wenig besserem Spiel für Weiß in Betracht.

23. Df2!. Auf 23. Sxh5 folgt f5.

23. ... Lg7 24. Sd4! Ld7. Etwa gleichwertig zum Text ist 24. ... Lxd4 25. cxd4 e5 26. Se2 und 24. ... Sb5 25. dxe6 (Oder 25. Sxb5 axb5 26. c4 bxc4 27. Lxc4 exd5 28. Lxd5) 25. ... Sxd4 26. cxd4 fxe6 27. a4.

25. dxe6 Lxd4. Erzwungen, da 25. ... fxe6 26. Sg6 Lxd4 27. Dxd4 Dg5 28. Tg3 ohne Kompensation die Qualität verliert.

26. cxd4. Jeglichen Vorteil aus der Hand gäbe 26. Dxd4? Sc6.

26. ... fxe6 27. e5!. Droht Springergabel auf g6.

27. ... Lc6. Besser war 27. ... Le8, nicht aber 27. ... Th6 28. Se2 Lc6 29. Tf8+ Txf8 30. Dxf8+ Dxf8 31. Txf8+ Sc8 32. Sf4 und Weiß hat deutlichen Vorteil. 28. Sg6.

Diagramm (12 kb)

28. ... Dd8??. Zeitnot? Auf jeden Fall ein unverständlicher Lapsus. Naheliegend und unbedingt erforderlich war 28. ... Txg6! 29. Lxg6 (Nicht aber 29. Tf8+?? wegen 29. ... Txf8 30. Dxf8+ Sc8! 31. Lxg6 Dg5 und Schwarz gewinnt!) 29. ... Lxf3 30. Dxf3 dxe5 31. dxe5 Dxb4 (Weniger genau ist 31. ... Sc6 32. Df6 mit etwas besserem Spiel für Weiß.) 32. Df6 Dd4+ (Genauer als 32. ... Db6+ 33. Kh1 und Weiß hat das freiere Spiel.) 33. Kh1 Td8 34. Le4! (Unklar ist 34. Dxe6 Sc6) 34. ... Sb5 35. Lf3, mit etwas besserem Spiel für Weiß.

Ungenügend war hingegen 28. ... De8? Wegen 29. Tf7 dxe5 30. dxe5 h4 31. h3 Th5 32. Dc2 Dd8 33. Tf8 Txf8 34. Txf8 Le8 35. Sf4, und Weiß gewinnt.

29. Sxh8. Entscheidend!

29. ... Lxf3 30. Sf7 Dh4. Nicht besser ist 30. ... Txg2+ 31. Dxg2 Lxg2 32. Sxd8, oder 30. ... Lxg2 31. Sxd8 Le4+ 32. Dg3 Txg3+ 33. hxg3 Lxd3 34. Tf8 jeweils mit Gewinn für Weiß.

31. Dxf3 Dxd4+ 32. Kh1 d5 33. Td1?!. Geradliniger war 33. a3!.

33. ... Dxb4 34. Tb1 Da4 35. Dxh5 Sc6. Hartnäckiger, aber ebenfalls hoffnungslos war der Übergang ins Endspiel mittels 35. ... Dxa2 36. De2 Dxe2 37. Lxe2.

36. De2 Ka7. Auch nach 36. ... Sd4 37. Dd2 c5 38. Sd6 b5 39. Df2 Ka8 40. Df7 Tb8 41. Dc7 Dxa2 (41. ... Da3 42. Lg6) 42. Sc8 Tb7 43. Dxc5 ist der Tag für Weiß entschieden.

37. Df2+ b6 38. Tc1 Kb7 39. h3. Ein Luftloch für alle Fälle. Das Publikum erwartete indessen die Gewinnfortsetzung 39. Sd6+ Kb8 40. Df7 Td8 41. Lxa6 Dxa6 42. Txc6 Td7 43. De8+ Ka7 44. Tc1.

39. ... Tc8 40. Df6 Sd4. Falls 40. ... Da3 so 41. Txc6 und Weiß gewinnt.

41. Sd8+ Kb8 42. Sxe6 und Schwarz gab auf.


Die Entscheidung

Nach einem 3:3 im Match hatte der kalmückische FIDE-Präsident Iljumischinow festgelegt, daß um den Sieg ein Tiebreak über zwei Partien mit verkürzter Bedenkzeit auszutragen sind. Dies ist zwar besser als den Sieger mit einer Roulettekugel zu ermitteln (so geschehen im Kandidatenwettkampf zwischen Smyslow und Hübner, Velden 1982), entwertet den Titel aber völlige. Karpow darf sich nun Schnellschachweltmeister nennen.

Auf die völlig ungleichen Bedingungen haben wir zuletzt bereits hingewiesen. (Die zweite Tiebreak-Partie ist in ihrer Qualität noch um zwei Stufen niedriger und wollen wir daher unseren Lesern ersparen).

Weiß: GM A. Karpow

Schwarz: Anand,V (2765)

Königsindisch im Anzug [A07]

Anm. I. Balinov

1. Sf3 d5 2. g3 Sf6 3. Lg2 c6 4. 0–0 Lg4 5. d3 Sbd7 6. Sbd2 e6 7. e4 Le7 8. De2 0–0 9. h3 Lh5 10. Te1. Nur Ausgleich ergibt 10. e5 Se8 11. Te1 (Oder 11. d4 c5 12. Sb3 a5 13. Le3 cxd4 14. Lxd4 a4 15. Sbd2 a3 16. b3 Sb8) 11. ... Sc7 12. g4 Lg6 13. Sf1 f5.

10. ... dxe4 11. dxe4 e5. Schwarz hat Ausgleich.

12. b3 Dc7 13. Lb2 Tfe8 14. Df1 Tad8 15. a3 b5. Beugt dem Springermanöver Sd2-c4 vor.

16. Lc3. Überdeckt prophylaktisch den Sd2 und entbindet somit den Schimmel auf f3 seiner Deckungsaufgabe.

16. ... Lf8. Genauer als 16. ... a5 17. Sh4 Lxa3 18. Txa3 b4 19. Sc4! (Etwas günstiger für Schwarz wäre hingegen 19. Lxb4?! axb4 20. Taa1 Sc5 21. Sc4 Se6 22. Sf5 Sd4 23. Sxd4 Txd4) 19. ... bxa3 20. Lxa5 Da7 21. Lxd8 Txd8 22. Ta1 a2 23. Sf5 mit etwas freierem Spiel für Weiß.

17. Sh4 Sc5 18. Lf3. Unergiebig ist 18. Sf5 Td7.

18. ... Lg6?!. Den Vorzug verdiente 18. ... Lxf3 19. Shxf3 Td7 und Schwarz steht etwas freier.

19. Sxg6 hxg6 20. Lg2 a6 21. De2 Se6 22. Sf3 Sd7. Auch nach 22. ... Sd4 23. Sxd4 exd4 24. Lb2 hat Weiß leichten Vorteil.

23. a4. Zu erwägen war auch 23. h4!? oder 23. Ted1.

23. ... b4 24. Lb2 a5 25. c3. Gut war auch 25. Tad1 c5 26. Td2 Sd4 27. De3 Sb6 28. Ted1 Sxc2 29. Lxe5 Txe5 30. Df4 Sd4 31. Txd4 Txd4 32. Txd4 cxd4 33. Dxe5 Dxe5 34. Sxe5 und Schwarz hat Probleme bei der Deckung seiner Damenflügelbauern.

25. ... bxc3 26. Lxc3 Tb8 27. Tab1 Lb4 28. Tec1 Lxc3 29. Txc3 c5 30. De3. In Betracht kam auch 30. Td1!?.

30. ... Dd6 31. h4?!. Vorteil versprach 31. Lf1 Sd4 32. Sd2.

31. ... Sd4 32. Lh3 Sb6 33. Tbc1?. Geboten war 33. Sd2 Te7 34. Tbc1 Tc7 35. Lg4 und Weiß diktiert weiterhin das Geschehen.

33. ... c4!. Mit diesem Sprengungszug befreit sich Schwarz vollends!

34. bxc4 Sxa4 35. c5 De7 36. Ta3. Auch nach 36. Sxd4 exd4 37. Dxd4 Sxc3 38. Dxc3 Tb4 39. Lg2 Teb8 40. c6 Dc7 hat Schwarz das etwas bequemere Spiel.

36. ... Sxc5 37. Tac3 Scb3. Das schwarze Spiel ist nun klar vorzuziehen.

38. Tc7 Df6. Nur marginalen Vorteil bot hingegen 38. ... Sxc1 39. Txe7 Sce2+ 40. Kg2 Txe7 41. Da3 Tbe8 42. Dxa5 Sxf3 43. Kxf3 Sd4+.

39. T1c3 Sxf3+?. Ein für dieses Niveau unglaublicher Bock! Nach dem naheliegenden 39. ... a4! 40. Sg5 (Nicht besser ist 40. Ld7 Sxf3+ 41. Dxf3 Dxf3 42. Txf3 Te7) 40. ... a3 41. Ta7 Ta8 konnte Weiß das Handtuch werfen. 40. Dxf3.

Diagramm (12 kb)

40. ... a4??. Der nächste Bock: Nach 40. ... Sd4 41. Dxf6 gxf6 42. Lf1 Se6 43. Ta7 Ta8 wäre das schwarze Spiel noch immer klar vorzuziehen gewesen. 41. Dxf6 gxf6 42. Ld7 Sd4?. Schwarz setzt die Fehlerorgie fort: Nach 42. ... Te7 43. Lxa4 Txc7 44. Txc7 Sd2 45. Lc6 Tb1+ 46. Kg2 Tc1 47. Td7 Txc6 48. Txd2 konnten die Kontrahenten getrost die Friedenspfeife rauchen.

43. Lxe8 Se2+ 44. Kg2 Sxc3 45. Lxf7+ Kf8 46. Lxg6 Sb5 47. Tf7+ Kg8 48. Txf6 Ta8 49. h5 a3 50. h6 a2?. Richtig war indessen 50. ... Kh8! 51. Lf7 Tf8 52. Tb6 (52. g4 a2 53. Ta6 Txf7 54. Txa2 Sd4) 52. ... Txf7 53. Txb5 Ta7 54. Tb1 a2 55. Ta1 Kh7 56. f4 exf4 57. gxf4 Ta3 und nun wäre selbst für den offenbar völlig von der Rolle befindlichen Schnellschachstar Anand das Remis nicht mehr zu vermeiden gewesen, nicht aber 50. ... Sd6 51. Txd6 a2 52. Td1 a1D 53. Txa1 Txa1 54. f4 exf4 55. gxf4 und der schwarze Turm ist gegen die drei Freibauern machtlos.

51. Lf7+ Kh7 52. Lxa2 Txa2 53. g4 Sc3. Oder 53. ... Te2 54. g5 Txe4 55. Tf7+ Kg6 56. Tg7+ Kf5 57. h7 Th4 58. g6 Sd4 59. Tg8 Se6 60. h8D Txh8 61. Txh8 Kxg6 62. Kf3 und die weiße Mehrqualität entscheidet.

54. g5 Sxe4 55. Tf7+ Kg6 56. Tg7+ Kf5 57. h7 Txf2+ 58. Kg1 Kg4 59. h8D Kg3 60. Te7 Tg2+ 61. Kf1 Sd2+ 62. Ke1 und Schwarz gab auf. Ein äußerst glücklicher Sieg des alten und neuen FIDE-Weltmeisters.

ÖM Lothar Karrer