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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 6262 vom 06.12.2013, Kategorie Kolumne

WM: Carlsen entthront Anand!

Die Schachweltmeisterschaft in Chennai (Indien) zwischen Vishy Anand und Magnus Carlsen sollte ein Schachspektakel werden. Die Art und Weise seines Titelgewinns war aber weniger spektakulär, eher auf schwer zu erklärende Fehler des Inders zurückzuführen. Nach dem Abtasten in den ersten beiden Partien kristallisierte sich in den Runden 3 und 4 das aus der Tierwelt bekannte Bild von Hase und Schlange heraus: Der erste und wahrscheinlich schon tödliche "Biss" geschah in der fünften Partie. Der 43 jährige Titelverteidiger konnte zunächst die Balance halten, aber dann folgten kleine Ungenauigkeiten, die der 22-jährige Herausforderer gnadenlos ausnutzte. In der sechsten Partie wollte Anand schnell Frieden schließen, um sich psychisch vom Schock zu erholen, aber vergeblich. Die Nummer 1 der Weltrangliste spielte so lange, bis die Nerven des Inders versagten und er in einer Remisstellung patzte! Damit war auch das Match entschieden. Anand startete einen letzten Versuch in der neunten Partie (unsere heutige Analyse), erreichte auch eine entsprechende Stellung mit viel Taktik und Möglichkeiten, finalisierte sie jedoch mit einem Blackout. Die zehnte Partie hatte Carlsen völlig unter Kontrolle und erreichte locker das nötige Unentschieden. Damit entthronte Magnus Carlsen vorzeitig den amtierenden Weltmeister Anand mit 6,5-3,5 und wurde der 16.Schachweltmeister, zwei Monate älter als der bisher jüngste in der Schachgeschichte: Gary Kasparov! Übrigens der gleiche Kasparov sagte vor 9 Jahren nach einer schwer erkämpften Partie gegen einen jungen Norweger bei einem Turnier in Island: Dieser Junge wird eines Tages Weltmeister. Das war der damals erst 13-jährige Magnus Carlsen gewesen!

Anand (2775) - Carlsen (2870)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.f3 Angeblich zum ersten Mal von Anand gespielt.

4...d5 Der beste Zug. Schwarz erschwert e2-e4.

5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5 exd5 8.e3 c4 Der Zug klärt sofort die Lage im Zentrum und das charakterisiert ihn als eher unflexibel.

9.Se2 Sc6 10.g4 Weiß spielt am Königsflügel (Bauernmajorität).

10...0–0 11.Lg2 Sa5 12.0–0 Sb3 13.Ta2 Anand folgte einer Partie von Kasparov aus dem Jahr 1997.

13...b5 14.Sg3 a5N Dieser natürliche Zug ist eine Neuerung.

15.g5 Se8 16.e4 Sxc1 Die Optik trügt. Es sieht so aus, als ob der gute Springer gegen den schlechten Läufer getauscht würde. Aber der Läufer hätte enormes Potential sowohl defensiv als auch offensiv.

17.Dxc1 Ta6 Die Alternative war 17...Tb8 nebst b5-b4.

18.e5 Sc7 Interessant war auch 18...b4!?: 19.axb4 axb4 20.Txa6 Lxa6 21.cxb4 Db6 mit Kompensation.

19.f4 b4 Schwarz kann die weiße Bauernlawine nicht vernünftig mit 19...f5 blockieren: 20.gxf6 gxf6 21.f5 fxe5 22.dxe5 Dh4 23.f6 Le6 24.De3 mit klarem Vorteil für Weiß.

20.axb4 axb4 21.Txa6 Sxa6 Und der Springer deckt den b4-Bauern.

22.f5!? Nach 22.cxb4 Sxb4 23.f5 wäre der d4-Bauer ein leichtes Angriffsziel.

22...b3 Der einzige schwarze Trumpf! Anand hatte hier noch über eine Stunde auf der Uhr, Carlsen noch etwa eine halbe Stunde. Der Inder investierte dann aber mehr als die Hälfte seiner Bedenkzeit, um einen Angriffsplan auszuarbeiten.

23.Df4 Sc7! Schnell zurück zur Verteidigung!

24.f6 g6 24...gxf6!? sieht gefährlich aus, wäre aber vielleicht spielbar.

25.Dh4 Se8 26.Dh6!? Alles oder Nichts!

26...b2 27.Tf4 b1D+

Diagramm

28.Sf1?? Im Nachhinein konnte sich Anand dieses Blackout auch nicht erklären! Zeit hatte er genug, mehr als 10 Minuten. 28.Lf1 war richtig und hätte zum Remis ausgereicht

28...De1 Sehr wahrscheinlich kalkulierte er, dass nach 28...Dd1? die Stellung gewonnen ist und hat völlig den Zug 28...De1 übersehen: Auf 29.Th4 folgt einfach 29...Dxh4 30.Dxh4 Da5. 0-1

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog