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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 694 vom 26.06.1998, Kategorie Kolumne

Währinger Open '98 "A-Turnier" (26.Juni 1998)

Ungeachtet der vorbildlichen Spielbedingungen im Pensionistenheim am Türkenschantzplatz in Wien-Währing und des verdoppelten Preisfonds waren heuer weniger Spieler im A-Turnier am Start als im Vorjahr. Dies führte dazu, daß die Preise etwas gekürzt werden mußten. Dies mag einerseits an der unzureichenden Werbung oder, und dies mag ausschlaggebend gewesen sein, an der übermächtigen Konkurrenz durch die Fußballweltmeisterschaft gelegen haben.

Nichtsdestotrotz verdient dieses Turnier, daß mit GM Ralph Lau, IM Niki Stanec, IM MMag Schroll, dem immer noch topfiten Senior IM Dr. Andreas Dückstein, IM Khaled Mahdy, FM Markus Bawart und FM Manfred Hangweyrer und meiner Wenigkeit, um nur die Stärksten zu nennen, eine gute Besetzung aufwies, eine größere Teilnehmerzahl.

Der in Wien ansässige deutsche GM Ralph Lau übernahm in der 4 Runde die alleinige Führung und verteidigte diese bis zum Schluß souverän und siegte schließlich unangefochten mit 7 Punkten aus 9 Partien.

Ich konnte ihn zwar in der Vorschlußrunde einholen, mußte mich aber in der nachstehenden Schlußrundenpartie gegen IM MMag. Gerhard Schroll, in der ich eine Gewinnstellung nicht realisieren konnte, mit einer Punkteteilung begnügen.

Ilija Balinov, Wien

Im folgenden eine Partie des Siegers:

Weiß: GM R. Lau

Schwarz: FM M. Hangweyrer

Pirc-Verteidigung [B07]

Anm. I. Balinov

1.e4 d6 2.d4 g6 3.Sf3 Lg7 4.c3 Sf6 5.Ld3 0–0 6.0–0 Sc6 7.Te1 e5 8.Sa3. Mit dem Textzug weicht der Anziehende von der Partie Kramnik-Timman, Wijk-aan-Zee 1998, in der der Anziehende nach 8.h3 Ld7 9.Sbd2 Sh5 10.Sb3 a5 11.a4 Te8 12.Lg5 Dc8 13.Dd2 exd4 14.Sbxd4 Se5 15.Sxe5 dxe5 16.Sb5 das etwas bessere Spiel erlangt hatte, ab. Alternativen zum Text waren 8.Lg5 und 8.Sbd2.

8...exd4. Auf 8...Lg4 setzte sich der Anziehende in der Partie Mainka-Lau, Nürnberg 1996, mit 9.Sc2 d5 10.Lg5 dxe4 11.Lxe4 exd4 12.Lxc6 bxc6 13.Scxd4 Dd5 14.Da4 klar in Vorteil und gewann rasch.

9.cxd4 Lg4 10.Sc2 d5 11.e5 Se4 12.h3. Jedoch nicht 12.Lxe4 dxe4 13.Txe4 wegen 13...Sxe5 und Schwarz hat Vorteil.

12...Lxf3 13.Dxf3 f6. Zu erwägen war 13...f5!?.

14.Lxe4 dxe4 15.Db3+. Nur geringen Vorteil, wenn überhaupt, versprach 15.Dxe4 fxe5 16.d5 Sd4 17.Le3 Sxc2 18.Dxc2 Dxd5 19.Dxc7 Tac8.

15...Kh8 16.Txe4 fxe5 17.dxe5 Sxe5 18.Sd4 Df6 19.Tf4 Dd6!?. Auf 19...Db6?! folgt sehr stark 20.Txf8+! (Weniger ergiebig ist 20.Se6 Txf4 21.Lxf4 Sd3 22.Le3 Dxb3 23.axb3 Lxb2 24.Td1 Se5 25.Sxc7 Tc8 26.Sb5 a6 27.Sd6 Tc7 und Weiß hat nur geringen Vorteil.) 20...Txf8 21.Dxb6 axb6 22.Se6 Tf6 23.Sxc7 Tc6 24.Se8 Sd3 25.Le3 Lxb2 26.Td1 mit Vorteil für Weiß.

20.Se6 Sd3?. Besser, wenn auch ebenfalls vorteilhaft für Weiß war 20...Tfe8 21.Sxg7 Kxg7 22.Le3.

21.Txf8+!. Weniger klar war hingegen 21.Sxf8 Te8 (21...Sxc1? scheiterte an 22.Sxg6+ Dxg6 23.Txc1) 22.Sxg6+ Dxg6 23.Tc4 Te1+ 24.Kh2 Sxf2.

21...Lxf8 22.Le3!. Entscheidend!

22...Te8 23.Sxf8 Txf8 24.Td1 Td8 25.Lg5 Td7 26.Txd3! und Schwarz gab auf.


Vergebener Elfmeter

Um nochmals "König Fußball" zu bemühen: In der Diagrammstellung dieser Partie vergab ich mit 25. Sd3?? klaren Vorteil, der höchstwahrscheinlich zum Sieg und zur Teilung des 1. Platzes gereicht hätte. Nichtsdestoweniger ist der Turniersieg von Ralph Lau völlig verdient.

Weiß: I. Balinov

Schwarz: IM G. Schroll

Caro-Kann [B17]

Anm. I. Balinov

1.e4 c6. Die erste Überraschung: Mein Gegner pflegte an dieser Stelle sonst ausschließlich mit 1...Sf6 oder 1...e5 fortzusetzen.

2.d4 d5 3.Sd2 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Sf6. Spielbar ist auch 10...Dc7 11.Dg4 Kf8 12.0–0 c5 13.c3 b6 14.Te1 Lb7 15.h4 Te8 16.h5 Ld5 17.Ld2, Topalow-Anand, Linares 1998.

11.De2 c5. Elastischer ist 11...Dc7 12.Ld2 b6 13.0–0–0 Lb7.

12.dxc5 Lxc5 13.Ld2. Diese Stellung - mit der Zugfolge 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sbd7 5.Sf3 Sgf6 6.Sxf6+ Sxf6 7.Lg5 Le7 8.Ld3 h6 9.Ld2 c5 10.dxc5 Lxc5 11.De2 - kann auch aus der "Französischen Verteidigung" hervorgehen.

13...Db6?. In der Absicht, die große Rochade zu vereiteln, erweist sich der Textzug als grober Fehler. Unbedingt erforderlich war statt dessen 13...Dc7 mit der möglichen Folge 14.0–0–0 0–0 15.g4 e5 16.g5 hxg5 17.Lxg5 e4 18.Lxe4 Te8 19.Lxf6 Df4+ mit unklaren Verwicklungen, Smirin- Charitonow, UdSSR 1987.

14.0–0. Zu erwägen war auch 14.0–0–0 Sg4 (14...Lxf2?! gibt Weiß nach 15.Thf1 Lc5 16.Se5 ausreichende Kompensation für den Bauern.) 15.Se5 Sxf2 (15...Sxe5? verbietet sich wegen 16.Dxe5 Ld4 17.Lb5+) 16.Lb5+ und nun:

A) 16...Kf8 17.Df3! (Weniger klar war 17.Thf1 ) 17...f6 18.Dh5 Kg8 19.Df7+ Kh7 20.Thf1 fxe5 21.Txf2 Dxb5 22.Tf6 mit Gewinn.

B) 16...Ke7 17.Dh5!! (Während der Partie hatte ich mich nur mit 17.Thf1!? Sxd1 18.Txf7+ Kd8 19.Dxd1 worauf sich 19...Dxb5?? wegen 20.La5+ Ke8 21.Dd8 matt verbietet, beschäftigt und hierbei den wesentlich stärkeren Zug 17. Dh5!! völlig außer acht gelassen.) 17...g6 (17...Tf8 18.Lg5+ hxg5 19.Dxg5+ f6 20.Dxg7+) 18.Dh4+ g5 19.Lxg5+ hxg5 20.Dxg5+ Kf8 21.Td8+ Wie die Analyse zeigt ,verhindert 13. ... Db6 die lange Rochade keineswegs. So habe ich mich für die kurze Rochade entschieden, was in ruhigeres Gewässer führte und eher meiner Vormittagsstimmung entsprach. Noch zu erwähnen, daß 14.Se5?? selbstredend wegen 14...Lxf2+ 15.Dxf2 Dxb2 16.0–0 Dxe5 verbot.

14...a5. 14...Dxb2?? verliert nach 15.Tfb1 Da3 16.Tb3 Da4 17.Lb5+ die Dame, aber auch 14...0–0 15.b4 Le7 16.c4 und Weiß hat Raumvorteil am Damenflügel, gefiel dem Nachziehenden nicht sonderlich.

15.Se5! 0–0. Auf 15...Dxb2?! setzt Weiß nicht mit:

A) 16.Sc4 16...Dd4 17.Le3 Dd5 18.Tad1 Lxe3 19.Dxe3 Dc6 20.Se5 Dc7 (20...Da4?? 21.Dc5) 21.Lb5+ Kf8 22.Da3+ Kg8 23.Dd6 Dxd6 24.Txd6 und Weiß hat, wenn überhaupt, nur minimal besseres Spiel, fort, sondern spielt recht unangenehm:

B) 16.Tab1! Dd4 (16...Dxa2? 17.Lc4 Dxc2 18.Tbc1 Lxf2+ 19.Txf2) 17.Lb5+ Kf8 18.Tfd1.

16.Df3. 16.Sc4 hätte nach 16...Dc7 17.Sxa5 Ld6 18.Sc4 Lxh2+ 19.Kh1 Lf4 20.Sb6 Dxb6 21.Lxf4 Dxb2 22.Le5 Db4 23.Lxf6 gxf6 24.f4 zu unklaren, eher für schwarz günstigen Verwicklungen geführt.

16...Dc7. Möglich war auch das kaltblütige 16...Dxb2!? 17.Sc4 Dd4 18.Le3 Dd5 19.Dxd5 exd5 20.Lxc5 dxc4 21.Lxc4 mit geringfügig besserem Spiel für Weiß, nicht aber 21.Lxf8? cxd3 22.La3 dxc2 23.Tac1 Lf5, da Schwarz für den Qualitätsgewinn mehr als ausreichende Kompensation besessen hätte.

17.Tae1 Ld6 18.Sc4! Lxh2+ 19.Kh1 Ld7 20.Lxh6. Auf 20.Lxa5 erwidert Schwarz nicht:

A) 20...Df4? 21.Lb4 Tfc8 (Ebenfalls vorteilhaft für Weiß ist 21...Tfe8 22.Dh3 b5 23.Dxh2 Dxh2+ 24.Kxh2 bxc4 25.Lxc4) 22.Dxf4 Lxf4 23.Sb6 Txa2 24.Sxc8 und Weiß gewinnt, sondern für ihn vorteilhaft:

B) 20...Db8 21.Lc3 Lc6 22.Dh3 Lf4 23.Se5 Sd5 24.Ld4.

20...Lc6 21.Dh3 Lf4. 21...b5? führte nach 22.Lg5! bxc4 23.Lxf6 cxd3 24.Dg4 g6 25.Dh4 zu undeckbarem Matt in wenigen Zügen.

22.Lxf4 Dxf4 23.Se5 Le4??. Richtig war 23...Tad8! 24.Sxc6 bxc6 25.Dh2 mit völlig gleichem Spiel.

24.Lxe4 Sxe4.

DIA9823.GIF (15301 Byte)

25.Sd3?. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nach 25.Sg6!! fxg6 26.Dxe6+ Df7 27.Txe4 konnte ich in ein klar vorteilhaftes Doppelturmendspiel abwickeln.

25...Df5 26.g4?!. Zu optimistisch gespielt. Mit 26.Dxf5 exf5 27.Te2 konnte Weiß noch etwas Vorteil festhalten. Unergiebig war hingegen 26.Dh4 Sd2 27.Tg1 Tac8 28.Te5 Tc4 29.f4 Df6 30.Dxf6 gxf6 31.Te2 Se4.

26...Dd5 27.f3 Sg5 28.Dg2 Dxa2 29.Te5?!. Überehrgeizig gespielt. Notwendig war 29.f4 Sh7 30.Dxb7 mit völlig gleichem Spiel.

29...f6 30.Tb5 Tfc8. Zumindest Ausgleich ergab 30...e5! 31.f4 exf4 32.Sxf4.

31.f4 Sf7 32.g5?!. Besser war 32.Txb7 Dd5 33.Tf2.

32...fxg5 33.fxg5 Da4 34.g6 Sh6. 34...Dxb5 gestattet es Weiß, mit 35.gxf7+ Kf8 36.Sf4 Kxf7 37.Dg6+ (während 37.Sxe6+ Dxf1+ 38.Dxf1+ Kxe6 eher günstig für Schwarz wäre) 37...Kg8 38.Dxe6+ Kh8 39.Dh3+ Dauerschach zu erzwingen.

35.Txb7 Dh4+ 36.Kg1 Sf5 37.Tf4. Etwas besser war 37.Tf2!.

37...Dh5 38.Tf2 Dd1+ 39.Kh2 Dh5+ 40.Kg1 Dd1+. 40...Se3 wäre wegen 41.Txg7+!! Kxg7 42.Db7+ Kh6 43.Dh7+ Kg5 44.De7+ Kh6 45.Th2 Dxh2+ 46.Kxh2 Txc2+ 47.Kh3 etwas chancenreicher für Weiß gewesen.

41.Kh2 Dh5+ 42.Kg1. Remis


Karpow unterliegt Judit Polgar mit 3:5

In einem vom 9. bis 12. Juni in Budapest ausgetragenen Schnellschach-Wettkampf (30 min je Spieler) gegen Judit Polgar mußte sich FIDE-Weltmeister Anatoli Karpow, ohne eine Partie gewinnen zu können, mit 3:5 geschlagen geben. Judit gewann die 2. und 3. Partie, die übrigen endeten mit einer Punkteteilung.

Dieses schlechte Abschneiden mag die Ursache dafür gewesen sein, daß Karpow kurzfristig für Frankfurt absagte.


Anand gewinnt Frankfurt Classic Giants

Nachdem Kramnik in diesem vorerst doppelrundig gespielten Turnier vorerst knapp die Nase voran hatte (1. Kramnik 4, 2. Anand 3½, 3. Kasparow 2½, 4. Iwantschuk 2), wurden um die Plätze 1 und 3 jeweils ein Match über 4 Partien gespielt.

Rg Name 1 2 3 4 Tot

1

Kramnik

*

*

½

½

1

½

1

½

4

2

Anand

½

½

*

*

1

½

½

½

3

Kasparow

0

½

0

½

*

*

1

½

4

Iwantschuk

0

½

½

½

0

½

*

*

2

Eloschnitt: 2781 – FIDE-Kat. 22

Im Match um Platz 1 setzte sich Anand nach 4 Punkteteilungen im Tiebreak mit 2:1 gegen Kramnik durch.

Platz 3 sicherte sich PCA-Weltmeister Kasparow, der GM Iwantschuk mit 2½:1½ das Nachsehen gab.


Timman Tiebreak-Sieger im Frankfurt Classic Master

Nach einem Sieg im Tiebreak über den punktegleichen Alexander Beljawski (je 10 Punkte) sicherte sich der Jan Timman den Sieg im "Classic Master". Die weitere Reihenfolge: 3. Beim 8; 4. Adorjan 7; 5. Hübner 6½; 6. Kortschnoi 6; 7. Jussupow 4½; 8. Portisch 3.


Fritz5 gewinnt Frankfurt Chess Classics Open

Mit dem fantastischen Score von 9½ aus 11 entschied das das ChessBase-Computerprogramm Fritz 5 mit einem ganzen Punkt Vorsprung das Ordix-Open, an dem u.a. 36 Großmeister, darunter solche Koryphäen wie Iwatnschuk, Beljawski, Waganjan, Kortschnoi, Huzman, Dautow und Portisch am Start waren, für sich.

1. Fritz 5 9½ Punkte; 2. bis 12. GM S. Djuric (JUG), IM A. David (LUX), GM W. Iwantschuk (UKR), GM A. Huzman (ISR), GM J. Agrest (SWE), GM Lutz (GER), GM V. Kortschnoi (SUI), GM W. Jepeschin (RUS), GM L. Portisch (HUN), GM B. Lalic (CRO), usw.

Fritz5 lief auf einem Siemens Nixdorf Primergy Server. Der Eloschnitt dieses Schellschachturniers war 2780 und war bislang noch nicht erreicht worden.

ÖM Lothar Karrer