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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 7141 vom 01.02.2019, Kategorie Kolumne

Der 7. Sieg Carlsens in Wijk aan Zee!

Als amtierender Weltmeister und Nummer 1 der Welt gilt Magnus Carlsen bei jedem Turnier als Favorit, aber das umzusetzen gelingt ihm trotzdem nicht immer. Dafür aber immer öfters beim traditionellen Turnier in Wijk aan Zee: Heuer erhöhte er seine Anzahl der Siege auf sieben! Es gibt einfach Orte und Wettbewerbe, wo man gern und erfolgreich auftritt. Zum Vergleich: Kramnik gewann 10 mal in Dortmund. Der Favorit aus Norwegen startete nicht besonders berauschend, aber bei der langen Distanz gilt es die Kräfte richtig einzuteilen. Und das tat er auch. Er erwischte die jungen GMs Rapport und J.Van Foreest taktisch und die anderen drei Opfer (Anand, Mamedyarov, Duda) zermürbte er in langen ermüdenden Endspielen. Der einzige der mithalten konnte war der Lokalmatador GM Anish Giri. Er hätte sogar den Führenden überholen können, wenn er ihn in der Schlussrunde mit Weiß besiegt hätte. Der Holländer probierte einiges, opferte sogar die Qualität, aber Carlsen neutralisierte locker die Initiative des Gegners und die Partie endete friedlich. Eine Überraschung kam vom Tabellenende: Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik spielte ziemlich inspiriert, aber weit entfernt von seiner früheren Form, was ihm auch den letzten Platz bescherte. Das nahm er aber gelassen als Anlass, sein geplantes Karriereende zu verkünden. Einer der größten Schachspieler aller Zeiten verlässt die Schachbühne – Sehr bedauerlich, aber zu respektieren!

Carlsen, Magnus (2835) - Rapport, Richard (2731)

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 Dc7 6.g3 Bekanntlich vermeidet der Weltmeister scharfe theoretische Varianten. Auch hier gegen die Paulsen Variante wählt er die ruhige Fianchetto-Abwicklung.

6...a6 7.Lg2 Sf6 8.0–0 d6 Abwartend wäre 8...Le7. Und 8...Sxd4 9.Dxd4 Lc5 10.Lf4 d6 11.Dd2 h6 ist die Hauptvariante.

9.Sxc6 Der Textzug wird wesentlich seltener gespielt als 9.Le3 bzw. 9.Te1.

9...bxc6 10.Sa4 Der Springer macht den Seitensprung um den c-Bauern frei zu machen: Mittels c2–c4 erhöht Weiß die Kontrolle im Zentrum.

10...Tb8 Kostet Zeit und ist unklar, ob dieser Zug nützlich wird. Üblich ist 10...Lb7.

11.c4 c5 12.b3 Le7 13.Lb2 0–0 14.De1N Carlsen erreicht eine Position mit einem leichten und räumlichen Vorteil. Der Textzug ist eine Neuerung und stellt die konkrete Drohung e4–e5 auf. Eine Nebenidee ist manchmal Lb2–c3–a5, wenn zum Beispiel ein Turm auf d8 stehen würde.

14...Sd7 Schwarz reagiert gegen die Drohung e4–e5. 14...Lb7 wäre schon fahrlässig: 15.e5 dxe5 16.Lxe5 Ld6 17.Lxd6 Dxd6 18.Td1 De7 19.Lxb7 Txb7 20.Da5 Tc7 21.Dxa6.

15.Td1 Lb7 Die schwarze Stellung verlangt Feingefühl. 15...Se5!? hätte dazu gepasst: 16.Dc3 f6 (Auf 16...Lf6 17.f4 Sc6 muss Schwarz mit 18.e5 rechnen.) 17.f4 Sc6 gefolgt von e6–e5 und Sc6–d4.

16.Dc3 Lf6 17.Dd2 Le7 Schwarz hat keine Zeit für 17...Lxb2: 18.Sxb2 (Aber nicht 18.Dxd6 Dxd6 19.Txd6 Ld4 20.Txd7 Lc6 21.Ta7 Lxa4 22.bxa4 Tb4 und Schwarz stünde schon besser.) 18...Sf6 19.Dxd6 Dxd6 20.Txd6 Lxe4 21.Sa4 mit Materialverlust für Schwarz.

18.Dc3 Lf6 19.Dd2 Le7 20.f4 Plötzlich wird es ungemütlich für Schwarz: Es droht e4–e5.

20...e5 Notwendig. Auf 20...Lc6? folgt trotzdem 21.e5! und auf 20...Tfd8 21.Lc3.

21.Lc3! Lc6 22.La5 Db7 23.Sc3 exf4?! GM Rapport erhofft sich Druck auf e4.

24.gxf4 Tfe8 25.e5! Lxg2 26.Dxg2 dxe5 27.Sd5! Die Pointe der ganzen Abwicklung mit e4–e5: Weiß opfert einen Bauern für den Angriff! Es droht zwischendurch La5–c7 mit Qualitätsgewinn (wenn der Turm wegzieht folgt Sd5–f6+ mit Damengewinn).

27...e4 27...Kh8 löst die Probleme auch nicht: 28.Lc7 Tbc8 29.fxe5 f6 30.Dh3 Sf8 31.La5 mit starker Initiative.

28.Lc3! 28.Dxe4?! Sf6 wäre nicht der Sinn der Sache.

28...f6 Nach 28...Lf8 29.f5 e3 folgt einfach 30.Tf3 und alle Drohungen bleiben erhalten.

29.Kh1! Platz frei für den Turm!

29...Kh8 30.Tg1 Lf8

Diagramm

31.Se3!! Der Weltmeister ist in Spiellaune! Der Pragmatiker Carlsen könnte auch ruhig 31.Sxf6 Sxf6 32.Lxf6 Te6 33.Le5 Tbe8 34.Tge1 spielen.

31...Dc6 32.Td5 De6 33.Th5 Alle weißen Figuren machen sich bereit für den entscheidenden Sturm! Zum Plan gehören noch Se3–f5 und Dg2–h3.

33...Df7 34.Dh3 g6? Nun wird die schwarze Lage extrem kritisch. Richtig war 34...h6 35.Sf5 (35.Th4 Kh7 36.Sf5 ist nur andere Reihenfolge.) 35...Kh7 36.Th4 e3 37.Thg4 Tbd8 38.Sxe3 und Weiß stünde überlegen, aber ein forcierter Gewinn ist nicht in Sichtweite.

35.Th4 Nun hängt f4–f5 in der Luft.

35...Tb6 35...Dg7 hätte zumindest f4–f5 für einen Moment verhindert: 36.Sd5 (36.f5 g5) 36...Tb7 und mit 37.De3 wäre die Drohung wieder aktuell. 37...Kg8 38.f5 Se5 (38...g5 39.Sxf6+ Sxf6 40.Txg5) 39.Dxe4 Tf7 40.Sf4 und die schwarze Lage bleibt prekär.

36.f5 36.Sd5! scheint ziemlich stark zu sein. 36...Td6 37.f5.

36...Se5 37.Sd5 Td6? 37...g5! hätte das Schlimmste verhindert: 38.Txe4 (38.Sxb6 gxh4 39.Dxh4 e3 40.Sd5) 38...Td6 39.Lxe5 Txe5 40.Txe5 fxe5 41.f6 in beiden Fällen mit klarem Vorteil für Weiß.

38.fxg6 Es folgt ein schönes Finale:

38...Sxg6 39.Lxf6+ Txf6 40.Txh7+! 40.Txh7+ Dxh7 (40...Kg8 41.Th8+ Kg7 42.Dh7 matt) 41.Dxh7+ Kxh7 42.Sxf6+ Kg7 43.Sxe8+ Kf7 44.Sc7 mit technisch gewonnenem Endspiel. 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog