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Aus dem Schacharchiv der Wiener Zeitung: Artikel: 7142 vom 08.02.2019, Kategorie Kolumne

Gibraltar Chess Festival

Große Namen führten die Setzliste des Master-Turniers in Gibraltar vom 22. bis 31. Jänner an: Vachier Lagrave, Aronian, Nakamura, So, Navara, Adams und Yu. Gewonnen hat aber ein 20-jähriger Russe: GM Vladislav Artemiev! Außerhalb Russlands ist er noch wenig bekannt, aber schon mit 14 sorgte er für Furore in seinem Heimatland! Seine spielerische Reife stellte er in der Schlussrunde unter Beweis: Mit Schwarz konterte er meisterhaft dem chinesischen Großmeister Yu Yangyi (mit 2764 Elopunkten, die Nummer 4 im Turnier) und mit dem Sieg sicherte er sich den alleinigen ersten Platz, dotiert mit 25.000 Pfund. Nicht weniger überraschend ist der zweite Platz des 19-jährigen Inders GM Murali Karthikeyan, der in der letzten Runde GM Vachier Lagrave bezwang. Österreich war durch die beiden Schachhoffnungen GM Valentin Dragnev und IM Dominik Horvath vertreten. Was ihre Leistung betrifft: Sie blieben leicht unter ihrer Erwartung.

Artemiev, Vladislav (2709) - Nakamura, Hikaru (2749)

1.Sf3 Sf6 2.g3 d5 3.Lg2 e6 4.0–0 Le7 5.c4 0–0 6.b3 c5 7.Lb2 Sc6 8.e3 b6 8...d4 9.exd4 cxd4 wäre der Übergang in die Benoni-Struktur nur mit verkehrten Farben.

9.Sc3 dxc4 Auf 9...Lb7 reagiert Weiß meistens mit 10.cxd5 Sxd5 (oder nach 10...exd5 mit 11.d4) 11.Sxd5 Dxd5 und 12.d4.

10.bxc4 Weiß gewinnt zwar nach 10.Se5? Sxe5 11.Lxa8 die Qualität, aber der Preis ist zu hoch: 11...La6 12.Lg2 Sd3! 13.Db1 (13.Tb1 cxb3 14.axb3 Sxb2 15.Txb2 Lxf1) 13...Dc8.

10...Lb7 Den Punkt d3 zu okkupieren wäre schon ein Ziel, aber konkret nicht realisierbar. Der Zug 10...Dd3 zielt eher darauf ab ein Tempo zu gewinnen: 11.Se1 Dd7 12.De2 Lb7, aber der Zug Sf3–e1 gehört oft zum weißen Plan: 13.f4 Tfd8 14.Td1 Sb4 15.d3 Lxg2 16.Sxg2 a6 17.a3 Sc6 18.g4 Se8 19.f5 Sd6 20.f6 Lxf6 21.Txf6 gxf6 22.Sf4 Se5 23.Sh5 De7 24.Tf1 Sd7 25.Dg2 mit kompliziertem Spiel, 1-0, Kramnik (2784) - Fridman (2629), Dortmund 2013.

11.De2 Tc8 11...Dc7 wäre eine gleichwertige Alternative.

12.Tad1 Ein ähnlichen Plan wie in der Partie wird auch mit 12.Tfd1 eingeleitet: 12...Dc7 13.Se1 Tfd8 14.f4 a6 15.g4 Se8 16.Tab1 Sd6 mit beidseitigen Chancen, 1-0, Mamedov (2703) - Kovalev (2683), St. Petersburg 2018.

12...Dc7 13.Se1 Se8 14.f4 Weiß schiebt die f- und g-Bauern zwecks Raumgewinn und Angriff am Königsflügel vor. Die Struktur wird im Schachjargon oft als „Badewanne“ bezeichnet, weil nach d2–d3 (was oft erzwungen wird) eine Struktur entsteht, die einer Badewanne ähnelt: c4–d3–e3–f4.

14...Sd6 15.Sf3 a6 Bereitet b6–b5, mit Gegenspiel am Damenflügel, vor.

16.a4 Weiß hält dagegen.

16...f5 Nun ist g3–g4 erschwert und zusätzlich wird e4 unter Kontrolle genommen. Der Nachteil ist natürlich das Loch auf e5. Ein anderer Plan die zentralen Felder zu kontrollieren wäre 16...f6, was auch flexibler im Vergleich zum Textzug ist.

17.d3 Lf6 Sinn macht den unterbeschäftigten Turm von c8 auf die d-Linie zu bringen: 17...Tcd8 mit der Idee: Td8–d7, Dc7–d8, Sd6–f7 und Druck auf d3 auszuüben.

18.h3 Weiß möchte den Plan g3–g4 am Königsflügel fortsetzen.

18...Sb4 19.g4 g6 Die andere Antwort wäre 19...h6!?

20.e4!? Weiß wechselt den Plan und attackiert direkt im Zentrum und versucht die bessere Platzierung der eigenen Figuren auszunutzen.

20...fxe4 20...Lg7 wäre auch spielbar.

21.dxe4 Sxe4? Das kommt nur dem Weißen entgegen. Die richtige Antwort war 21...Ld4+! 22.Kh2 (22.Sxd4 cxd4 23.Txd4 Dc5 24.Df2 Txf4 25.Dxf4 Dxd4+ 26.Kh1 Sd3 27.Sd5 exd5 28.Lxd4 Sxf4 29.Txf4 dxc4 mit klar besserem Endspiel für Schwarz. Oder 22.Kh1 Lxc3 23.Lxc3 Sxe4 und Se4–g3 droht massiv.) 22...Se8 23.Sxd4 (23.e5 Lxf3 24.Txf3 g5! und e5 wird unterminiert.) 23...cxd4 24.Txd4 Txf4 25.Txf4 Dxf4+ 26.Kg1 Sd6 und Schwarz stünde nicht schlechter.

22.Sxe4 Lxb2 Auf 22...Lxe4 folgt 23.Sg5! Lxb2 und 24.Sxe6.

23.Seg5! Diesen Zug hatte GM Nakamura wahrscheinlich unterschätzt. Auf 23.Dxb2 einfach 23...Lxe4 und Schwarz steht ok.

23...Lxf3 24.Txf3 24.Dxe6+ Kh8 bringt nichts.

24...Ld4+ 25.Kh1 Tce8 Die beste praktische Chance bot 25...Dd7.

26.Sxe6 Dc6 Ein Versuch wert war das Qualitätsopfer 26...Tf6 27.f5 Df7 28.Dd2 Tfxe6 29.fxe6 Dxe6.

27.f5 Dxa4? Nun kollabiert die schwarze Stellung ziemlich schnell.

28.fxg6 Txf3 29.gxh7+ Kh8 Auf 29...Kxh7 ist der Zwischenschach 30.De4+! sehr stark: 30...Kh8 31.Dxf3 Dd7 (31...Txe6 verliert forciert: 32.Df8+ Kh7 33.Tf1 Lg7 34.Df5+ Tg6 35.Le4 De8 36.Dh5+ Lh6 37.Lxg6+ Dxg6 38.Tf7+) 32.Sxd4 cxd4 33.Df6+ mit entscheidendem Vorteil für Weiß.

30.Lxf3?

Diagramm

30.Dxf3! wäre die Lösung: 30...Txe6 31.Df8+ Kxh7 32.Tf1 mit Übergang in die obige Variante.

30...Sc6?? Für so einen begnadeten Taktiker wie Hikaru Nakamura ungewohnt, denn der Zug verliert fast einzügig, andererseits versäumt er die einzige taktische Option, die die Stellung noch hält: 30...Sd3!! 31.Dxd3 (31.Txd3 Dxc4 32.Txd4 Dxe2 33.Lxe2 cxd4 34.Sf4 (34.Sxd4 Te4 35.Lxa6 Txd4 36.Kg2 Ta4 37.Ld3 Ta3 mit guten Gewinnchancen für Schwarz.) 34...a5 (34...Te4 35.Sg6+ Kxh7 36.Ld3 Te1+ 37.Kg2 a5 mit kompliziertem Endspiel.) 35.Lb5 Te4 und hier kämpft Weiß ums Remis.) 31...Txe6 32.Df5 De8.

31.Sxc5! 31.Sxc5 Txe2 32.Sxa4 Tc2 33.c5! (33.Lxc6 Txc4 34.Ld7 b5 35.Lf5 Txa4 36.Kg2 sollte auch gewinnen.) 33...bxc5 34.Lxc6 mit einer Figur mehr für Weiß. 1–0

GM Ilia Balinov / Heinz Herzog